
„Kann nicht immer Frühling sein?“
Mascha Kaléko (1907–1975)
von Christhard Läpple
Warum nicht immer Frühling? Wäre doch wunderbar, meint eine junge, kesse Angestellte. Sie heißt Golda Malka Aufen. Seit ihrer Schulzeit schreibt sie Gedichte. Tatsächlich muss sich die junge Frau als Tippse durchschlagen. Dabei träumt sie von einem Berliner Künstlerleben. Alles, bloß kein langweiliger Schreibkram.
Es ist das Jahr 1932. Die Comedian Harmonists singen: „Irgendwo auf der Welt gibt´s ein kleines bisschen Glück, und ich träum davon in jedem Augenblick.“ Berlin tanzt auf dem Vulkan. Die ambitionierte Jungautorin, geboren 1907 im galizischen Provinznest Chrzanóv, ist mittendrin, dichtet allen Widrigkeiten zum Trotz grundlos vergnügt:
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Dass Amseln flöten und dass Immen summen,
Dass Mücken stechen und dass Brummer brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.
Sie reicht ihre Zeilen bei Zeitungen ein – und plötzlich werden die Verse gedruckt. Der Auftakt zu einem rasanten Aufstieg, zu den „paar leuchtenden Jahren“. Das junge Ausnahmetalent wird gefeiert und unter dem Künstlernamen Mascha Kaléko berühmt.
Die kleine, quirlige Frau mit wildem Lockenkopf und roten Lippen wird zur weiblichen Chronistin von Babylon Berlin. Diese aufgeregte, literarische Welt rund um das legendäre Romanische Café. Was kostet die Welt? Mascha ist Mitte zwanzig, als sie quasi im Vorübergehen die Herzen ihrer Leserschaft erobert und elektrisiert. Eine Kostprobe?
Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.
Die junge Frau hat Talent und ist gleichermaßen kommunikativ wie ehrgeizig. Später wird sie schreiben: „Ich war zaghaft wie ein erstes Schneeglöckchen und scheu, wie sich das für einen blutigen Anfänger gehört. Meine Ambitionen hingegen waren beträchtlich.“ Magisch zieht Mascha Männer an: Abenteurer, Wichtigtuer und Kaffeehausliteraten. Ihre prägnanten Gedichte sind wie Eispickel, die jeden zugefrorenen See spielend leicht aufbrechen. Sie steht im Mittelpunkt der Männergesellschaft um Tucholsky, Kästner und all die anderen. Was sie an den Herren der Schöpfung nicht ertragen kann: Schwätzer, die nur reden, aber keinen tropfenden Wasserhahn reparieren können. Oder Kerle, die beim ersten größeren Problem weglaufen.
„Was, bitte schön? Das ist wohl nicht mehr als eine kurze Affäre. Warum eigentlich nicht, überlegt sie und schläft zuhause federleicht ein. Neben ihrem Ehemann“, beschreibt Florian Illies die „Großstadtlerche“ Kaléko in seinem Buch Liebe in Zeiten des Hasses.

Im Januar 1933 erscheinen Maschas Gedichte im Lyrischen Stenogrammheft in Buchform. Im gleichen Monat kommen die Nazis an die Macht. Mascha ist 26 Jahre alt. Sie dichtet unverdrossen weiter „von der Hand in den Mund“. Im Dezember 1934 kann ihr Verlag Rowohlt noch einen zweiten Gedichtband veröffentlichen: Kleines Lehrbuch für Große. Dann ist Schluss. Ihre Texte werden zensiert und 1935 als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. Was heißt das für die gebürtige galizische Jüdin? Ein Alptraum aus Absturz, Repression, Lebensgefahr und Fluchtgedanken: „Ich gehe langsam, aber sicher zugrunde.“
Mit ihrem zweiten Ehemann, dem Komponisten Chemjo Vinaver und dem zweijährigen Sohn Steven gelingt im Oktober 1938 in letzter Minute die Ausreise nach New York. Die Flucht in die USA stürzt sie in ein Dilemma. Sie überlebt, doch ohne Job, hart am Existenzminimum und mit einem unstillbaren Heimweh. Siebzehn Jahre bleibt sie im Exil. Weit weg von ihrer „großen Liebe Berlin“.
***
Anfang 1956. Die Rückkehr der Dichterin. Mascha Kaléko wagt ein Comeback. Ihr Rowohlt-Verlag hat eine Lesereise organisiert, von Hamburg bis München. Mascha ist unsicher: Wollen die Menschen ihre Verse noch lesen? Welche Spuren hat das NS-Regime hinterlassen? Gelingt ein Neuanfang? Mit diesem aufwühlenden Jahr beschäftigt sich Volker Weidermanns Buch Wenn ich eine Wolke wäre. Der Zeit-Autor beschreibt „die Reise ihres Lebens“. Ein Jahr tourt Mascha Kaléko durch Westdeutschland. Fast täglich schreibt sie ihrem Mann in New York Briefe, berichtet von Erfolgen und Enttäuschungen. Geschichten aus einem neuen, alten Land. Sie erlebt eine Achterbahn der Gefühle: von Jubelstürmen über Gleichgültigkeit bis harter Ablehnung.
Volker Weidermann
Wenn ich eine Wolke wäre
Mascha Kaléko und die Reise ihres Lebens
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2025
240 Seiten
gebunden 23,00 € / E-Book 19,99 €
Volker Weidermann erzählt eine unbekannte Episode aus dem Leben der Dichterin Mascha Kaléko. Nach siebzehn Jahren New Yorker Exil kehrt sie 1956 für ein Jahr nach Deutschland zurück. Sie versucht ein Comeback in ihrem „geliebten Berlin“. Dort ist die große Klappe geblieben, und doch ist im geteilten Nachkriegs-Berlin alles anders. Weidermann ist ein dichtes Porträt der faszinierenden Mascha Kaléko gelungen – eine Nahsicht ihres aufregenden Lebens zwischen Licht und Schatten.
An einem kalten Märzabend 1956 schlendert sie allein durch das verschneite Berlin. Die vertrauten alten Straßennamen rund um den Savignyplatz erscheinen der 48-jährigen wie „ein sehnsüchtiges Gedicht“. Am Kurfürstendamm leuchten Verkaufsvitrinen, der dunkle Rest dahinter versinkt in einer zerstörten, verwahrlosten Stadt. Die zierliche Fremde steuert schließlich auf ihre alte Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 zu. Ein heruntergekommenes Mietshaus, es steht tatsächlich noch. Die Türen sind verschmiert, im Treppenhaus grauer Treppenboden, „es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt“. So schildert Mascha Kaléko, der gefeierte Shootingstar der letzten Weimarer Jahre, ihre Begegnung mit der Bleibtreu, nach siebzehn Jahren Exil. Sie nimmt sich ein Herz.
Mascha Kaléko klopft an. Eine Frau um die Vierzig öffnet: „Ich trage ihr mein Verslein vor. Zu Besuch in Berlin, wohnte hier vor 20 Jahren und versprach meinem Kind, das hier geboren wurde, die Räume nochmal zu besuchen, – – ob ich wohl 1 Minute rein könnte. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten Nein. Nicht möglich. – Mein Heimweh nach Berlin ist ein bisschen gedämpft.“
Rumms. Die Tür knallt zu. Wiedersehensfreude? Von wegen! Mascha notiert an ihren Mann Chemjo, der wie Sohn Steven in New York zurückgeblieben ist: „Die Gesichter … Nirgends außer in Berlin sah ich so viele misstrauische Gesichter, so viel verhärmte Gesichter und Augen, denen man schreckliches ansieht, dass sie sahen und selber durchmachten! Nein, besser sind sie nicht geworden durch den Krieg und alles vorher und nachher.“
Was ist nach zwölf Jahren Hitlertum, Hunger, Elend, Teilung und Kalter Krieg von ihrem geliebten Berlin geblieben? Zumindest die Sprache, das schnoddrige Berlinerisch, das ihr so sehr gefehlt hat: „Berlin kommt mir wie vor wie eine alte Jugendfreundin, die kaum einen Zahn im Munde hat, der die Lücken der anderen noch betont. Aber manchmal geht doch ein Lächeln über diesen zahnlosen Mund, dass man die alte Freundin zu erkennen glaubt. Pompeji ohne Pomp“.
Doch der zurückgekehrten Exilantin schlägt beredtes Schweigen entgegen, wenn es um das untergegangene „Tausendjährige Reich“ geht: „Die Leute sind verroht, voll kriechender Demut oder Nazi-brutal.“ Zehn Jahre nach Kriegsende wird die NS-Zeit ausgeklammert, darüber redet man nicht. Trotzdem bleibt die verbannte Jüdin Mascha Kaléko offen und unvoreingenommen. Sie hält an ihrem Motto fest: Mein Leben werde ich weiter voran träumen. Und: „Ich muss mich auf Wunder verlassen.“ Das Nachkriegs-Deutschland wirkt erschöpft, leer, grau und trostlos wie die Ruinen. Die Menschen sind verschlossen. So sieht es die Außenseiterin aus Amerika, die wieder dazugehören will.
Als Mascha auf ihrer Lesereise in Kassel auftritt, wird ihre „Gebrauchslyrik“ wie in besten Vorkriegszeiten gefeiert, wie einst im untergangenen Babylon Berlin. Wenn sie Verse vorträgt wie: „LEBEN, ach, es ist so schwer und so schön und so voller Wunder.“
Mascha Kaléko füllt Säle, trifft den Nerv und berührt sogar einen ehemaligen SS-Offizier. An Ehemann Chemjo, der sich standhaft weigerte, nach Deutschland mitzukommen, notiert Mascha: „Du kannst Dir denken, wie selig die Veranstalter waren.“ Dabei spürt sie: Mit Gedichten kann der neue Volkssport namens ‚Verdrängen von Nazi-Verbrechen‘ nicht aufgebrochen werden. Dennoch möchte sie mit ihrer Lyrik und einer kräftigen Prise Ironie Menschen weiter Hoffnung und Halt vermitteln. Wenigstens das! Diese spezielle Mascha-Mischung aus Melancholie, politischer Schärfe, Genauigkeit und Esprit. Kein Gleichschritt, keine Volkstümelei, einfach nur allzu Menschliches. Was sonst?
Mascha genießt bei ihrer 1956er Comeback-Tour Aufmerksamkeit und Anerkennung. Doch im Alltag fehlt es an jedem Groschen. In ihren Briefen nach New York rechnet sie ihrem Chemjo jedes Brötchen vor. Vierzigtausend Bändchen vom Stenogrammheft seien verkauft worden. Zu viel zum Sterben, zu wenig zum unbeschwerten Leben, notiert sie. Der wirkliche Ruhm kommt erst nach ihrem Tod.
Sie trifft berühmte Menschen wie Erich Kästner, mit dem sie sich in München glänzend über ihr gemeinsames Idol Heinrich Heine austauscht. Oder sie besucht den wohlhabenden Bestseller-Autor Erich Maria Remarque mit Partnerin Paulette Goddard, der Ex-Gattin von Charlie Chaplin. Eine Diva mit Hermelin und Persianermantel, Brillanten und einem harten „Dollarblick“. Mascha: „Mir wurde ganz elend zumute, wie arm die reichen Leute eigentlich sind. Der Tag beginnt mit einem Kurszettel, und jedes Gespräch zirkuliert doch um das Geld, und wie es am sichersten anzulegen ist… Frei von Was? Von Geldsorgen. Aber ist die Sorge um das Geld und seine Sicherheit nicht beinahe ebenso schlimm? Ich glaube, man bekommt eher vom Kurszettel Herzanfälle als vom Pfandschein.“
***
Im Februar 1959 erhält Kaléko den renommierten Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste zugesprochen. Als sie erfährt, dass Akademie-Direktor Hans Egon Holthusen die Auszeichnung persönlich überreichen will, lehnt sie ab. Holthusen war ab 1933 freiwilliges Mitglied einer SS-Standarte. Es kommt hinter den Kulissen zu heftigen Auseinandersetzungen. Holthusens SS-Geschichte sei eine „Jugendtorheit“ gewesen, heißt es, und der Direktor der Abteilung Dichtkunst „überall hochangesehen“. Schließlich lässt Akademie-Generalsekretär Herbert von Buttlar in Mascha Kalékos Hotelzimmer diesen entscheidenden Satz fallen: „Wenn es den Emigranten nicht gefällt, wie wir die Dinge hier handhaben, dann sollen sie doch fortbleiben.“
Aus und vorbei. Der Fontane-Preis wird anderweitig vergeben. Mascha Kaléko wird in Deutschland für keinen einzigen weiteren Literaturpreis nominiert. Nach diesem verbalen Fußtritt zieht sie mit ihrem Mann nach Israel. Dort fehlt ihr die deutsche Sprache wie die Luft zum Atmen. Sie bleibt – auch – in Israel ein „Fremdling“. „Hätte ich ein Heim gehabt / Oder gar eine Heimat / Ich fremder Niemand aus Niemandsland.“
Ein letztes Mal überlegt Mascha Mitte der siebziger Jahre nach (West-)Berlin zurückzukehren. Dazu kommt es nicht mehr. Sie erliegt im Januar 1975 einem Krebsleiden, gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Maschas letzte Ruhestätte ist auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich. Was bleibt, sind ihre Gedichte; lebendiger und erfolgreicher als je zuvor. Millionenfach bis heute verkauft, zählt sie längst zu den beliebtesten deutschen Dichterinnen. Ein Text heißt – typisch Mascha – schlicht Rezept:
Sage nicht mein. Es ist dir alles geliehen. Lebe auf Zeit, und sieh, wie wenig du brauchst. Richte dich ein. Und halte den Koffer bereit. (…)
Zerreiß deine Pläne. Sei klug. Und halte dich an Wunder. Sie sind schon lange verzeichnet. Im großen Plan. Jage die Ängste fort. Und die Angst vor den Ängsten.


Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Blogs, den unser Autor am 8. März 2026 auf seiner Webseite veröffentlicht hat.
Bildnachweise
Aufmacherbild:
Mascha Kaléko, 1931: Fotoatelier Ullstein, Public domain, via Wikimedia Commons
Berlin: Regen in der Potsdamer Straße, 12. März 1938: © Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 002085a / Fotograf: Willy Pragher, CC BY 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/4.0>, via Wikimedia Commons
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