Zu den aktuellen Büchern von Karl Schlögel und Heinrich August Winkler
von Wolfgang J. Ruf
Wenn Historiker auf ihren eigenen Weg zurückschauen, gerät in der Regel auch die Zeitgeschichte in den Blick. Diese Verbindung, in der die Erfahrung der selbst erlebten Geschichte und die kritische Erinnerung an sie auch als Prozess der individuellen Identitätsbildung und der ganz persönlichen Charakterentwicklung deutlich werden, kann eine außerordentlich anregende Lektüre ergeben – vorausgesetzt, dass auch die Befähigung zum treffenden sprachlichen Ausdruck hinzukommt.
Hier, bei den jüngsten Publikationen der Historiker Heinrich August Winkler und Karl Schlögel, ist dieser Glücksfall zu vermelden. Er zahlt sich als zeitgeschichtliche Horizonterweiterung aus, die ihresgleichen sucht. Und ist auch ein großes Lesevergnügen, zumindest über weite Strecken der Lektüre. Besonders, wenn man diese beiden autobiografisch akzentuierten, aber dabei keineswegs den Blick verengenden Bücher in der Zusammenschau wahrnimmt. Sie ergänzen und kontrapunktieren sich; der unterschiedliche Blick der Autoren und ihr ganz eigenes Temperament ergeben zusammen ein ungemein vielfarbiges Bild unserer Zeit.
Es ist also kein Zufall, dass sie hier gemeinsam vorgestellt und empfohlen werden. Dass der Weg der beiden Autoren über weite Strecken geradezu diametral verlaufen ist, dass sie auch in ihrer Arbeit in entgegengesetzte Richtungen blickten und dennoch in manch wichtiger Frage sich nahe sind, ist ein besonderes Faszinosum.
Heinrich August Winkler
Warum es so gekommen ist
Erinnerungen eines Historikers
C. H. Beck: München 2025
288 Seiten
Hardcover 30,00 € / E-Book 25,99 €
Heinrich August Winkler war sechs Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Er stammt aus einer bildungsbürgerlichen Familie in Königsberg; unter seinen väterlichen Vorfahren waren zehn protestantische Pfarrer. Als Kind erlebte er noch die unzerstörte Heimatstadt. Noch vor Kriegsende zog er mit seiner Mutter und Großmutter aus dem schon von der Roten Armee bedrohten Ostpreußen in den deutschen Südwesten, nach Ulm. Dieser Weg nach Westen prägte den späteren Historiker, der an den Universitäten von Berlin und Freiburg lehrte, intensiv. Der lange Weg nach Westen, gemeint ist hier derjenige von Deutschland, und Die Geschichte des Westens sind mehrbändige Standardwerke der deutschen Geschichtsschreibung aus seiner Feder. Das Thema trieb ihn immer wieder um: Zerbricht der Westen? Über die gegenwärtige Krise in Europa und Amerika lautet der ahnungsvolle Titel eines Buchs aus dem Jahr 2017. Winkler war und ist immer wieder auch ein gefragter Kommentator zur aktuellen Politik; am 8. Mai 2015 hielt er im Deutschen Bundestag die Rede zum 70-jährigen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.
Ganz anders ist es um Herkunft, Erfahrungen und Interessen von Karl Schlögel bestellt, der vom Jahrgang 1948 ist, also zehn Jahre jünger als Winkler. Er kommt von einem Bauernhof im Allgäu, lernte im Dominikanergymnasium eines bayrischen Klosters als dritte Fremdsprache Russisch und erkundete fortan die Welt hinter dem ‚Eisernen Vorhang‘. Nebenbei bemerkt, das brachte ihn mir gleich nahe: Wie er schon 1966 fuhr ich 1969 mit zwei Kommilitonen auf eigene Faust nach Prag. Während ihn vor allem die Literatur in den unbekannten Osten zog, waren es bei mir Film und Theater in jener Welt, die für die meisten im Westen eine terra incognita war – und wohl auch noch ist. Auch Schlögels linksradikale Träumereien verflogen je mehr und umso konkreter er die Wirklichkeit im ‚real existierenden Sozialismus‘ kennenlernte. Als mich mein Interesse am osteuropäischen Kino nach Polen und Rumänien, nach Moskau und Leningrad, sogar nach Taschkent, Alma Ata und Tbilissi führte, war Schlögel 1982 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Lomonossow-Universität Moskau. Der Osten Europas wurde zum Lebensthema des Historikers, der später auch an den Universitäten in Konstanz und Frankfurt (Oder) lehrte. Zu seiner besonderen Methode gehört es, dass er die historischen Landschaften, über die er berichtet, auch immer wieder besucht und Gesprächspartner vor Ort findet oder wiedertrifft. So schildert er in Das sowjetische Jahrhundert, 2017, wie er reisend dem untergegangenen Imperium nachspürte. Seine Beobachtungen und Schlüsse sind meist kulturhistorisch unterfüttert, und dies kundiger und aufmerksamer als bei Historikern üblich. Wenn man auf Schlögels Buch Der Duft der Imperien – Chanel Nr. 5 und Rotes Moskau stößt, sollte man es nicht achtlos liegen lassen. Es ist ein kulturhistorisches Kabinettstück sondergleichen: „Wie rochen Sozialismus, Nazizeit, die Golden Zwanziger? Schwer zu beschreiben? Nicht für Schlögel!“ schrieb Anna Prizkau in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über dieses 2017 erstmals erschienene Werk.
Als Schlögel im Oktober 2025 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in Frankfurt (Main) erhält, ist er längst als ein maßgeblicher Historiker des östlichen Europa anerkannt – jenes Europa, das es seit 1989 neu zu vermessen galt, historisch und aktuell.
Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Karl Schlögel: ZDF-Livesendung vom 19. Oktober 2025 mit der Rede des Preisträgers. Ca. 90 Min.
Schon die Titel der beiden Bücher schlagen ganz unterschiedliche Tonarten an. Winklers Warum es so gekommen ist – Erinnerungen eines Historikers ist über weite Strecken eine nüchterne, aber sehr schlüssige Folge von akribischen Erinnerungen an Ereignisse, Erlebnisse und Begegnungen. Beim Rückblick auf die Jugend in den frühen Jahren der Bundesrepublik ist manche Schilderung durchaus berührend, zumal wenn sie den Leser an selbst erlebte Zeiten erinnert. Fotos auch aus dieser Zeit stützen die Erzählung. Später, wenn Winkler aus seinen schnell Beachtung findenden Publikationen zitiert und selbst immer mehr im Blickpunkt des Politik- und Medienbetriebs steht, versteht er auch trefflich pointiert diese Hyperrealität zu zeichnen. Es gibt so einige Anekdoten, die manchen Aspekt der alten BRD sarkastisch ausleuchten. An eine geradezu realsatirische Geschichte um den arglosen Ex-Bundespräsidenten Walter Scheel, der den Titel der katholischen Zeitschrift Hochland mit der neuseeländischen Stadt Auckland verwechselt und nichts von einem in besagter Zeitschrift unter seinem Namen veröffentlichen Beitrag weiß, wird man sich noch lange erinnern. Mit seiner genauen Schilderung von Umständen, Zusammenhängen und Entwicklungen liefert Winkler ein detailreiches und dennoch klug geordnetes Kompendium der jüngeren deutschen Geschichte, von den Wirtschaftswunderjahren und der europäischen Integration über den Historiker-Streit und die wechselnde Ost-Politik der SPD bis zur deutschen Vereinigung und zu den neuen Herausforderungen durch Wladimir Putin und Donald Trump.
Schlögels Buch stellt eine Reihe von Vorträgen und Aufsätzen aus den Jahren 2003 bis 2025 vor, die dem Autor besonders dienlich scheinen, angesichts der neuen Unordnung der Welt die Ordnung im Kopf zu bewahren oder wieder zu gewinnen. Die hier versammelten Texte informieren auch über Schlögels persönlichen Weg, aber im Mittelpunkt steht immer wieder der anhaltende Schock des Kriegs in der Ukraine. Der poetisch anmutende Titel Auf der Sandbank der Zeit – Der Historiker als Chronist der Gegenwart, der auf Schlögels Dankrede zur Verleihung des Gerda Henkel-Forschungspreises im November 2024 in Düsseldorf zurückgeht, signalisiert durchaus eine persönlich empfundene Havarie: „Für jemanden wir mich, der sich mit Kultur und Geschichte der russischen und sowjetischen Welt nicht nur beruflich beschäftigt hat, ist der russische Krieg gegen die Ukraine die Infragestellung all dessen, was mir an Leben und Schicksal dieses Landes teuer war und ist“, schreibt Schlögel in seinem Vorwort. „All die über uns hereinstürzenden Ereignisse berühren nicht nur Einzelaspekte, sondern das Geschichtsdenken insgesamt, eine Herausforderung, in der auch eine Chance liegt.“ Die Erkundung des östlichen Europa führe ihn jetzt wieder zurück in die Ukraine: „auf den Schauplatz, an dem sich nicht nur das Überleben einer freien Ukraine, sondern auch die Zukunft Europas entscheidet.“
Karl Schlögel
Auf der Sandbank der Zeit
Der Historiker als Chronist der Gegenwart
Hanser Verlag: München 2025
176 Seiten
Hardcover 23,00 € / E-Book 16,99 €
Schlögel, der Geschichte nie nur aus der Ferne betrachten wollte und Emotionen, auch Empathie in seinen Schriften und Reden nicht ausschloss, zeigt nun auch seinen Groll und seine Verbitterung. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels kam er schnell zur Sache: „Es ist erstaunlich, wie lange es in Deutschland gedauert hat, gewahr zu werden, womit man es mit Putins Russland zu tun hat,“ und fügte hinzu: „Es gab viele Russland-Versteher, aber zu wenige, die etwas von Russland verstanden.“ Dieses Versagen sei ein weites Feld für die historische Aufklärung und „eine Aufarbeitung, die niemanden verschonen wird“.
Es ist klar, was und wen er mit der letzten Bemerkung meint: die SPD und die Brüche in ihrer Ost-Politik. Das Motto „Wandel durch Annäherung“, mit dem Kanzler Willy Brandt die festgefahrene Beziehung zu den Nachbarn im Osten aufzulockern und zu vermenschlichen trachtete, kam bei vielen unserer Generation gut an – auch bei Winkler und Schlögel. Dass der SPD-Politiker Egon Bahr, der (wahrscheinlich etwas übertrieben) als Baumeister dieser neuen Politik gilt, später ganz andere Töne anschlug, wollen viele noch immer nicht wahrhaben. Er empfahl, den Dialog mit den Funktionären im Osten zu führen und den mit den Dissidenten zu meiden; er ging sogar so weit, die polnische Gewerkschaft Solidarność eine „Gefahr für den Weltfrieden“ zu nennen. Die Folgen dieses Bruchs einer eben auch werteorientierten Außenpolitik führen bis in die Gegenwart. Während ich an diesem Text arbeite, lese ich, dass der Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der sich nicht gescheut hat, Putins bezahltes Sprachrohr zu werden und zu bleiben, sich aktuell wieder mal entsprechend zu Wort meldet: Er sei zwar gegen diesen Krieg in der Ukraine, doch, sagt er: „Ich bin aber auch gegen die Dämonisierung Russlands als ewiger Feind“. Hat irgendjemand Russland als „ewigen Feind“ ausgerufen?
Diese Fokussierung auf Russland als deutschen und einst auch schon preußischen Partner, im Guten wie im Schlechten, ging stets über die Köpfe der zwischen diesen Mächten lebenden Osteuropäer hinweg: von den polnischen Teilungen über die unheimliche Annäherung der Militärs zur Zeit der Weimarer Republik, den Hitler-Stalin-Pakt, die Ignoranz, dass vor allem Belarus und die Ukraine die Schauplätze der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg im Osten waren, bis hin zu den russisch-deutschen Erdgas-Pipelines durch die Ostsee, wobei die Einwände der polnischen und baltischen Anrainer auch in Berlin leichtfertig beiseite geschoben wurden. Winkler spricht angesichts dieser unseligen Kontinuität in der deutschen Geschichte von „Spuren, die schrecken“.
Heinrich August Winkler
Die Spuren schrecken
In einem Essay, der unter dem Titel Die Spuren schrecken am 14. Juli 2014 im Spiegel erschien, holte ich zu einem Rundumschlag gegen die Apologeten der großrussischen und imperialistischen Politik Putins aus. Was immer Alexander Gauland, den stellvertretenden Sprecher der im Vorjahr gegründeten rechten Alternative für Deutschland, den CSU-Politiker Peter Gauweiler, den Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft, die sozialdemokratischen Altkanzler Helmut Schmidt und Gerhard Schröder und die Linken-Politiker Gregor Gysi und Sahra Wagenknecht voneinander trenne, in einem seien sie sich einig: Sie hielten die Annexion der Krim durch Russland für irgendwie nachvollziehbar. Mit ihrer dezidiert prorussischen Haltung träten sie, so meine These, in die Spuren jener radikalen deutschen Rechten, die schon in der Weimarer Republik ein außenpolitisches Zusammengehen von Deutschland und Russland und damit eine Distanzierung vom Westen gefordert hätten. „Vestigia terrent möchte man mit Horaz den deutschen Putin-Verstehern zurufen – zu deutsch: Die Spuren schrecken. Doch die meisten von ihnen wissen wohl gar nicht, in wessen Fußstapfen sie treten.“ Zwei Wochen später veröffentlichte das Nachrichtenmagazin eine Replik Erhard Epplers, die in dem Satz gipfelte, verstehen sei besser als hassen.
aus: Warum es so gekommen ist
Bei allen Unterschieden der Herkunft, der Interessenslage, der Blickrichtung und der Temperiertheit gibt es noch mehr Übereinstimmungen zwischen Winkler und Schlögel. Beide sehen den Vergleich Putins mit Hitler als angemessen und den Vergleich der westlichen Unentschlossenheit mit der appeasement-Politik der Münchner Konferenz von 1938 als zutreffend. Ersetzt man den damaligen Streit um das Sudetenland durch den heutigen um die Krim oder nun um die Donbass-Region, so ist man mittendrin in den vergleichbaren Vorgängen – stets dabei beachtend: Vergleichen heißt nicht gleichsetzen, aber ohne zu vergleichen, ist Geschichte als ernstzunehmende Wissenschaft wohl nicht möglich.
Heinrich August Winkler
Was Putin mit Hitler verbindet
Die politische Instrumentalisierung einer (wirklichen oder gefühlten) Niederlage und die Selbststilisierung zum Opfer mächtiger Feinde: Das ist es, was diese so unterschiedlichen politischen Führer verbindet…. Wenn Putin heute für die europäische Großmacht Russland eine Einflusszone reklamiert, in der westliche Mächte, aber letztlich auch die Vereinten Nationen nichts zu suchen und nichts zu sagen haben, macht er dafür sehr ähnliche Gründe geltend wie Hitler vor acht Jahrzehnten. (…) Der Ultranationalismus als letztes Stadium des proletarischen Internationalismus: So könnte man in Abwandlung von Lenins Abhandlung Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus den ideologischen Wandlungsprozess beschreiben, der sich bei Putin wie schon bei Milošević vollzogen hat und wohl auch beim chinesischen Präsidenten und Parteiführer Xi Jinping vollzieht. Der Umschlag eines formelhaft erstarrten Internationalismus in einen an faschistische und nationalsozialistische Vorbilder erinnernden extremen Nationalismus zeigt einmal mehr, wie sehr der Marxismus-Leninismus an der Macht zu einem falschen Bewusstsein im Sinne von Marx geworden war.
aus: DIE ZEIT, 22. März 2022
In der politischen Debatte hierzulande, vor allem auch in den politischen Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens werden solche Vergleiche, wenn sie jemand vorbringt, von Moderatoren und den anderen Gesprächsteilnehmern gern elegant ignoriert. Karl Schlögel hält das nicht davon ab, klare Kante zu zeigen. Der gängigen, unwidersprochen durch öffentliche Debatten, Talkshows und Internet-Foren geisternden, historisch aber unschwer zu widerlegenden Behauptung, dass mit Waffen noch nie Frieden geschaffen wurde, entgegnete er: „Hitler ist mit den Waffen besiegt worden. Und so ist es auch mit Putin. Man muss ihm mit Waffen entgegentreten, etwas anderes versteht er überhaupt nicht“ (Anne Will, ARD, 17. September 2023). Beide Historiker sind sich auch darin einig, dass das russische Zarenreich und die UdSSR gleichermaßen Kolonialmächte waren – da fällt auch mal der interessante Begriff Binnenkolonien. Das Ende der Sowjetunion, aus Putins Sicht eine historische Tragödie, war nichts anderes als die Emanzipation ihrer Kolonien.
Ein paar kritische Einschränkungen, die ich habe, sollen nicht unerwähnt bleiben. Wenn Schlögel Putin und Trump als sich ähnelnde Politikercharaktere beschreibt, kann ich ihm nicht folgen. Allein schon die leicht zu machende Beobachtung, dass Trump über alles und jedes unentwegt und inkohärent quatscht, während Putin persönlich oft tagelang öffentlich gar nichts sagt, verweist auf elementare Unterschiede. Befremdlich finde ich bei so viel Detailkenntnis und Scharfsinn aber vor allem, dass sowohl Schlögel als auch Winkler kaum auf die Herkunft Putins aus dem sowjetischen Geheimdienst KGB eingehen. Von Anfang an wurde seine Laufbahn stark vom KGB geprägt, der ihn schon während des Studiums rekrutierte und ihn zur weiteren Ausbildung auf die KGB-Hochschule schickte. Seine gesamte Politik nutzt doch Techniken und Maßnahmen, die er da erlernt hat. Man denke nur an die Netzwerke, die seine Machtposition absichern, die Methoden, mit denen politische Gegner verfolgt, gar umgebracht werden, und die für den KGB schon immer bezeichnende Subversion privater, gesellschaftlicher und internationaler Beziehungen. Unter dem Begriff razloženie, zu Deutsch Zersetzung, wurde sie auch von den Geheimdiensten der anderen Ostblock-Staaten praktiziert, besonders perfide von der Stasi in der DDR. Dieses Instrumentarium ist auch in der hybriden Kriegsführung zu erkennen, mit der Putin den Westen längst schon verunsichert. Die besondere Bedeutung des KGB-Hintergrunds von Putin zu verkennen, scheint mir ein wesentlicher Grund für das zögerliche, immer wieder schwankende Verhalten des Westens gegenüber dem neuen Russland.
Diese kritischen Hinweise sollen jedoch meine Empfehlung dieser beiden Bücher und ihrer Autoren keineswegs mindern – ebenso wenig, dass ihre Lektüre gelegentlich auch anstrengend, sogar belastend sein mag. Letzteres liegt nicht etwa an ihrer mangelnden Sprachfertigkeit, mit der beide ganz unterschiedlich zu brillieren verstehen. Sondern an ihrem Gegenstand: Schlögel und Winkler handeln von einer Geschichte, die nicht abgeschlossen ist, die in unsere Gegenwart ragt und uns fast täglich mit neuen Schreckensmeldungen ängstigt. Nach der Lektüre beider Bücher beschäftigt mich nach wie vor Karl Schlögels Essay Melancholie und Geschichtsschreibung besonders intensiv. Er beruht auf seinem Vortrag Melancholie und Geschichte zur Verleihung des Preises des Historischen Kollegs am 11. November 2016 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München. Es erstaunt nicht nur, wie er die zunächst tatsächlich befremdliche Begriffspaarung von ihren verschiedensten Seiten und in kulturhistorischen Zusammenhängen betrachtet, sondern vor allem, welche Schlüsse er daraus zieht: Er entdeckt die auch aus Schmerz und Trauer erwachsende, gegen alle ideologischen Vereinnahmungen gefeite Melancholie als „Übergangs- oder Vorstadium für die Schärfung der Sinne, für die Aufrüstung der intellektuellen Frühwarnsysteme, die allzu lange unterfordert waren. Jetzt bekommen sie bei der Neuvermessung der Welt, da die alten Koordinatensysteme außer Kraft gesetzt sind, ihre nächste Chance.“
In Schlögels Überlegungen scheint mir auch Albert Camus und seine Sicht auf Sisyphos als einen Helden nachzuklingen. Ins Gefilde der Philosophie ist man bei dieser Lektüre ohnehin schon geraten.
Wolfgang J. Ruf
(* 1943 in München) ist Autor, Publizist und Dozent. Sein Themenspektrum umfasst Kulturpolitik, Theater, Film, Medien, Literatur, Geschichte, Politik und Zeitgeschichte. Er war von 1985 bis 1995 Chefredakteur der Zeitschrift Die Deutsche Bühne und Pressereferent des Deutschen Bühnenvereins, danach u. a. Chefdramaturg am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Von 1975 bis 1985 leitete er die internationalen Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen.
Bildnachweise
Aufmacherbild unter Verwendung des Gemäldes Die neunte Woge (1850) von Iwan Konstantinowitsch Aiwasowsk: Public domain, via Wikimedia Commons
Die Frage, die sich mir im Laufe der Jahre immer wieder gestellt hat, lautet: Liegt in der Melancholie nicht eine spezifische Erkenntniskraft, eine spezifische Qualität, von der geschichtliche Arbeit außerordentlich profitieren könnte, ohne die sie vielleicht nicht einmal auskommt? Welchen Gewinn könnte Geschichtsschreibung aus einer melancholischen Stimmung oder Haltung ziehen?
Bei jedem, der halbwegs mit der Wissenschaftsgeschichte und dem Wissensbetrieb vertraut ist, beginnen hier bereits die Alarmglocken zu schrillen. „Stimmung“ und „Haltung“, das kann im Geschäft des Historikers ja nur zu einem Verlust an methodischer Disziplin, zu einer Verwahrlosung der Begriffe, zur Preisgabe sprachlicher Klarheit führen, was meist ein Zeichen dafür ist, dass es auch um die Klarheit der Gedanken nicht zum Besten steht. Wo kommen wir hin, wenn Stimmungen Eifer, Zorn, Trauer, Verzweiflung, Schwermut – in eine Disziplin einbrechen, zu deren Grundüberzeugungen die klare Unterscheidung von Fakten und Fiktion, Forschung sine ira et studio und der Respekt vor dem Vetorecht der Quellen gehört?
Die Alarmglocken schrillen aber noch aus einem anderen Grund, der etwas mit der „geistigen Situation der Zeit“ zu tun hat. In einer Welt, in der die eine Krise in die andere übergeht und sich alle zusammengenommen auftürmen und verknoten, in der eine allgemeine Überforderungssituation entsteht, könnte Melancholie auch als eine wohlfeile Form einer allgemein gewordenen fatigue, der Resignation und Kapitulation vor einer Geschichte out of control verstanden werden. Es wäre nicht das erste Mal, dass die von Chaos und Unübersichtlichkeit Überrollten die Flucht aus der vita activa in die vita contemplativa antreten. Wie über Melancholie sprechen in Zeiten, da der Krieg nach Europa zurückgekehrt ist und wir, die wir so viel wissen über die Hunderttausenden von Toten der deutschen Blockade Leningrads, nun hilflos, tatenlos, ohnmächtig zusehen, wie das viertausendjährige Aleppo eingekesselt und dem Erdboden gleichgemacht wird? Wie über Melancholie sprechen in Zeiten der Verzweiflung, ohne dem Rückzug in die Resignation das Wort zu reden? Vielleicht sind wir gar nicht so weit entfernt von der „Empfindung zur tiefsten, ratlosesten Trauer“, von der Hegel in seiner „Philosophie der Geschichte“ gesprochen hat; dort wird Geschichte als „Schlachtbank“ beschrieben, „auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht worden“ sind. Die Tröstung, die Hegel noch bereithielt, dass es sich nämlich nur um ein Moment in einer Entwicklung zu Höherem handle, können wir Heutigen kaum noch gelten lassen.
(…)
Jedenfalls ist, wie der Blick auf die zum Thema verfasste Literatur zeigt, der Melancholie-Diskurs aus der Analyse von Literatur und Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken. Für die Soziologie hat Wolf Lepenies, ebenfalls vor Jahrzehnten schon, die Ankunft des Themas in den Sozialwissenschaften definitiv gemacht. In der neuen Einleitung zur Ausgabe von 1998 seines Werkes „Das Ende der Utopie und die Wiederkehr der Melancholie“ hat der Autor auch den historischen Ort des neuen Interesses angegeben: 1989, das Jahr, in dem nicht das Ende der Geschichte zu feiern war, sondern der Übergang zu einer anderen, neuen Etappe, deren Folgen noch ganz unabsehbar waren. Auf das „Ende des Zeitalters der Ideologien“, der Utopie, folgten eine ganze Welle von Studien über „Melancholie und Moderne“ und zahlreiche Arbeiten zu postimperialer und postkolonialer Melancholie. Zugleich jedoch war „1989“ der Fixpunkt, eine Epochenzäsur, an der sich wiederum so etwas wie eine positive Utopie festmachte: vielleicht nicht die vom Anbruch eines „Ewigen Friedens“, aber doch eine weit verbreitete Erwartungshaltung, dass sich nun, nach dem Ende der Großen Teilung der Welt, alles fügen werde, in einer sicher nicht konfliktfreien, sicher nicht harmlosen, aber doch zielgerichteten und „letztlich“ erfolgreichen Bewegung, für die es den insgeheim teleologischen Begriff der Transformation gab. „Es“ hat sich nicht gefügt, „die“ Geschichte ging ihrer Wege, die Enttäuschung über das Ausbleiben des Ewigen Friedens, der „Resignationsvorrat“, von dem Lepenies sprach, ist ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges groß.
Der Schock darüber, dass sich die Geschichte „nicht gefügt“ hat, traf mich in einer besonderen Weise: als Russlandhistoriker und als jemanden, der fast ein Leben lang dem Ende einer Art Ausnahmezustand und der „Normalisierung“ der Verhältnisse auch in Russland entgegengefiebert, darauf hingearbeitet hatte. Dass nun alles noch einmal von vorne beginnen würde: dass nun an die Stelle des Lenin-Denkmals eines des Heiligen Vladimir rücken würde, dass verschiedentlich wieder Stalin-Denkmäler errichtet werden, dass eine Organisation wie Memorial, die seit den 1980er Jahren ihre ganze Kraft darin investiert hatte, Russland zur Wiedergewinnung seines historischen Gedächtnisses zu verhelfen, nun als „ausländischer Agent“ verfolgt wird, dass Russland einen Krieg gegen das Nachbarland Ukraine anfangen würde, das war mir, ich gestehe es, bei aller Skepsis nicht vorstellbar. Bedeutete es, dass wir, Sisyphos gleich, wieder ganz von vorn beginnen müssen, dass alle Arbeit umsonst war?
(…)
Nun gibt es beim Schreiben der Geschichte selbst ein Moment, das ich als „melancholische Anfechtung“ bezeichnen möchte. Es ist der Augenblick, in dem sich entscheidet, ob sich das unendlich disparate Material, der unüberschaubare Stoff, die sich überkreuzenden und auseinanderlaufenden Entwicklungs- und Lebenslinien fügen oder nicht, und wo sich die Frage stellt, ob wir darauf vertrauen, dass wir jenen Punkt treffen, an dem sich ein Ereignis, eine Wendung, eine Entscheidung herauskristallisiert, oder ob wir mit Berufung oder im Vertrauen auf ein bestimmtes Entwicklungsmodell schon wissen, wie die Sache weiter und zu Ende gehen wird. Es ist ein höchst dramatischer Augenblick, in dem sich entscheidet, ob wir die vorgebliche Sicherheit, die uns eine Geschichtsprozessordnung bietet – sei sie nun durch Strukturen, Idealtypen, Modelle, Systeme oder gar eine Idee garantiert –, in Anspruch nehmen oder uns auf den Fall einstellen, in dem etwas zusammenschießt, zu einem Ereignis, zu einer Zäsur wird – unerwartet, plötzlich, nicht vorhersehbar: der Augenblick der Kontingenz, die sich nicht herstellen, nicht prognostizieren lässt, sondern der wir auf die Spur kommen müssen.
Historiker belassen es nicht bei den res gestae, sondern arbeiten an der historia. Sie verfassen die Erzählung, von deren Legitimität und Kraft sie auch nach diversen Proklamationen vom Ende der „Meistererzählungen“, der „grands récits“, mehr denn je überzeugt sein dürfen. Sie sind nach wie vor mit allen großen Fragen konfrontiert: Wie findet man überhaupt Zugang zu einer Welt, zu einem Erfahrungs- und Erwartungshorizont, von dem man qua später Geburt ausgeschlossen ist? Wie wird man nicht nur den Fakten gerecht, die wir akribisch aus der dokumentarischen Überlieferung herauslesen, sondern auch den Personen, über die wir einerseits sine ira et studio schreiben sollen, denen wir andererseits aber nur genügen können, wenn wir ihnen nahe kommen, ohne dabei unsere Distanz preiszugeben? Wie bringt man das Geschehen zusammen, das sich nicht nur im Nacheinander, chronologisch, abspielt, sondern nebeneinander am selben Ort? Die Erzählung, an deren Notwendigkeit wir festhalten, soll all dies zusammenbringen – ohne Zwang, ohne Oktroy eines Modells, eines Systems, von keiner „unsichtbaren Hand“ und von keinem Gott gelenkt, „einfach so“. Ich kann mir historisches Arbeiten ohne diesen Moment, in dem (wieder) alles offen ist, nicht vorstellen, ohne den Moment, in dem eine Ahnung von Resignation auftaucht und die Kapitulation vor der überwältigenden Komplexität des Stoffs ganz nahe gerückt ist. Es ist jene Situation, die in Wittgensteins Diktum genau erfasst ist: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ich möchte diesen Moment des Verstummenmüssens oder Verstummenkönnens als melancholischen bezeichnen. Hier kann Zweifel in Verzweiflung umschlagen. Es geht dabei um die Ahnung von der Möglichkeit eines Scheiterns, um die Frage, ob sich alles gefügt hat und, wie es in Benjamins Kommentar zu Paul Klees Bild vom Angelus Novus heißt: „Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen.“ Dies, ohne ein Modell überzustülpen oder in die Beliebigkeit der Montage zu flüchten.
(…)
Wir wollen uns nicht sentimentalen Träumen von einem Ewigen Frieden hingeben, wir wollen uns nicht der Illusion hingeben, wir seien die Herren des Verfahrens im Weltmaßstab, aber uns auch nicht in Prophezeiungen, die nur Kassandra zustehen, flüchten, sondern wach sein, hellwach für das, was jetzt, im „Dunkel des gelebten Augenblicks“, wie Ernst Bloch die Gegenwart genannt hat, geschieht. Und hier wächst der Melancholie doch ganz unerwartet eine wichtige Rolle zu: Desillusionierung als Form der Selbstaufklärung, distanzierter Blick, Schärfung des Sinns, der einem hilft, „mit den Beständen zu rechnen“, so Gottfried Benn. Die Melancholie – meist im Sechserpack von Ermattung, Resignation, Dekadenz, Sentimentalität, Nostalgie, Kitsch im Handel – hat, was oft vergessen wird, eine kritisch-starke Seite, die sie zur Verbündeten, zum Organon der Aufklärung macht, welche die dunkle Seite manchmal allzu selbstsicher überspielt und vorschnell unter Irrationalismus-Verdacht stellt. Melancholie ist eben nicht Träumerei und Hirngespinst, sondern genaues Hinsehen, Wachheit für Übergänge, für Mischungsverhältnisse, für das, was der Fall ist, diesseits der Utopie.
Wenn dies so ist, dann ist Melancholie ein Übergangs- oder Vorstadium für die Schärfung der Sinne, für die Aufrüstung der intellektuellen Frühwarnsysteme, die allzu lange unterfordert waren.
aus: Vortrag zur Verleihung des Preises des Historischen Kollegs am 11. November 2016 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, publiziert in der Zeitschrift Transit – Europäische Revue, Ausgabe 50/2017, S. 86 – 100. Es war die letzte Ausgabe der seit 1990 erschienenen Halbjahreszeitschrift; sie stand unter dem Thema: Ein Zeitalter wird besichtigt – 1989 revisited.
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Gespräch mit Heinrich August Winkler über Risse im transatlantischen Verhältnis, über westliche Werte und die Frage, warum Nationalpopulisten reüssieren. phoenix 2017, ca. 30 Min.