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„Audienz bei Stalin“

Georgi Demidows Zwei Staatsanwälte als Buch und Film

von Christhard Läpple

Der frisch gebackene Staatsanwalt Kornew ist voller Tatendrang. Als Parteigenosse hat er sich der ‚sowjetischen Gerechtigkeit‘ voll und ganz verschrieben. Dem jungen Mann werden Aufsicht und Kontrolle eines Regionalgefängnisses übertragen. Es ist das Jahr 1937. Eines Tages findet der Jura-Absolvent ein mit Blut beschriebenes Stück Pappe auf seinem Schreibtisch vor. Kaum leserlich, aber ohne Zweifel bittet ein Gefangener um Untersuchung seines Falls. Kornew will die Sache klären. Als zuständiger Gefängnisinspektor verschafft er sich nach einigem Hin und Her mit der misstrauischen Leitung Zutritt zum gefürchteten Gebäude Nummer 5, dem sogenannten Sonderblock.

Dort trifft der junge Kornew auf seinen schwer misshandelten alten Jura-Dozenten Stepjnak. Ein Genosse ohne Fehl und Tadel und sein Vorbild. Kornew ist fassungslos. Der Häftling in Zelle 83 wird wie ein Tier in einem dunklen Loch gehalten, ein stinkender Kübel in der Ecke, eine winzige vergitterte Fensteröffnung unter der Decke. Diese Begegnung der anderen Art ist eine Schlüsselszene im aufwühlenden Gefängnisroman Zwei Staatsanwälte von Georgi Demidow. Der Gefangene, heißt es dort, „war groß, leicht gebeugt und entsetzlich dünn. Schmutzige und wie abgekaut wirkende Kleidung hing an ihm wie an einem Kleiderbügel. Der aufmerksame Kornew bemerkte, dass keine Knöpfe daran waren.“ Der Revolutionär der ersten Stunde hustet Blut. Auf Brust, Rücken und Schultern sind Narben und Blutergüsse in unterschiedlichen Farben zu sehen: jodfarben, blau, violett.  Einige Rippen sind gebrochen, das Handgelenk zerschmettert. Mit dem Blut der Wunde, so berichtet der Inhaftierte dem Staatsanwalt, habe er ein Stück Karton beschrieben. Papier und Stift seien ihm verweigert worden.

Der Gefangene aus dem Sonderblock weigert sich, ein Geständnis abzulegen, damit würde er sein Todesurteil unterschreiben: „Das ist es, was die heimlichen Faschisten vom örtlichen NKWD von mir wollen.“ Es sind die Schreckensmonate, in denen Stalin seine Herrschaft durch beispiellose „Säuberungsaktionen“ sichert. Etwa achthunderttausend Menschen werden 1937/38 in der Zeit des ‚Großen Terrors‘ erschossen. Stalins Geheimdienst NKWD hatte die Gefängnisse in riesige Folterkammern verwandelt. „Und das alles mit dem Ziel, von ihnen Falschaussagen gegen sich selbst und andere zu erlangen. Ehrliche Sowjetmenschen werden Verbrechen beschuldigt, von denen sie nie geträumt haben“, notiert Demidow. Sein Held Kornew ist überzeugt, dass einem Unschuldigen „nicht ein einziges Haar vom Kopf fallen“ darf.

Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, genannt Stalin, der ‚Stählerne‘. Propagandaplakat von 1938.

Zwei Staatsanwälte basiert auf wahren Begebenheiten. Autor Georgi Demidow (1908-1987) weiß genau, wovon er berichtet. Er selbst wird Stalins Opfer. Der jüdische Physiker verfasst nach seinem Studium in Donezk gemeinsam mit zwei Kollegen ein Manifest gegen Missstände und Fehler der Vorgesetzten. Das Trio veröffentlicht den Text auf der betriebseigenen Wandzeitung. 1938 wird Demidow unter einem Vorwand festgenommen und zu zehn Jahren Arbeitslager wegen „konterrevolutionärer Propaganda“ verurteilt. Tatsächlich verbringt der Physiker insgesamt vierzehn Jahre Lagerhaft im sibirischen Kolyma, dem „Auschwitz ohne Öfen“.

Der Familienvater überlebt wie durch ein Wunder und wird nach seiner Entlassung 1951 nach Intu verbannt, in den Norden der Republik Komi. Dort arbeitet er bis 1972 als Konstrukteur. Jeden Abend, jede freie Minute nutzt Demidow fürs Schreiben. „Es fällt mir schwer zu beurteilen, welchen Sinn mein Schreiben hat. Wahrscheinlich nur denselben, den das zwangsläufige Knabbern einer Maus hat, um ihre Zähne abzuwetzen. Ich habe jedenfalls keine Hoffnung, veröffentlicht zu werden.“

Museum für die Geschichte des GULAG in Moskau: Die Dauerausstellung beleuchtete das System der politischen Repression in der UdSSR von 1918 bis 1956. – Im November 2024 wurde das Museum auf Anordnung der russischen Behörden geschlossen. Begründung: „Verstöße gegen den Brandschutz.“

Demidow will unbedingt der Nachwelt Zeugnis ablegen. Sein Gelübde im sibirischen Gulag: „Da schwor ich mir, dass ich überleben werde, nur um diese Hölle zu beschreiben.“ Am Morgen des 22. August 1980 beschlagnahmt der KGB in Demidows Wohnung sämtliche Manuskripte und drei Schreibmaschinen. Es ist kurz vor den Olympischen Sommerspielen in Moskau, kritische Texte sind unerwünscht. Nach der Beschlagnahme seiner sechs Manuskripte schreibt er keine einzige Zeile mehr. Demidow verzweifelt und wird depressiv.

Demidow stirbt 1987. Er kann nicht mehr erleben, dass seine konfiszierten Texte im Rahmen von Gorbatschows Perestroika 1989 freigegeben werden. Tochter Walentina Demidowa erinnert sich: „Es tut sehr weh, dass Vater in dem Glauben gestorben ist, nichts von dem, was er geschrieben hat, sei erhalten geblieben.“ Als es möglich ist, wandert sie in die USA aus, im Gepäck das Vermächtnis ihres Vaters: sechs unveröffentlichte Gefängnis- und Gulag-Romane. Es wird weitere dreißig Jahre dauern, bis mit Fone Kwas oder: Der Idiot (2023) und Zwei Staatsanwälte (2025) im Galiani-Verlag Demidows erschütternde Insiderberichte aus sowjetischen Lagern und Gefängnissen in deutscher Sprache erscheinen werden.

Nüchtern und ohne falsches Pathos beschreibt Demidow in Zwei Staatsanwälte das Absurde, Groteske und nahezu Unfassbare: Hunderttausendfach werden Kämpfer der ersten Stunde, „verdiente Genossen“ und Weggefährten Lenins unter dem Vorwand der Konterrevolution eingesperrt und zum Geständnis gezwungen. „Verbannt ohne Recht auf Korrespondenz“, heißt es in den Akten. Eine stalinistische Chiffre für ‚erschossen‘.

Wer in der Zeit der ‚Großen Säuberung‘ ‚verdächtig‘ ist, wird einfach weggeräumt. Demidow: „War freies Denken in Russland schon immer viel gefährlicher gewesen als Diebstahl, so war es jetzt beinah selbstmörderisch.“

Eine schreckliche, unerklärliche Krankheit ist in das Gehirn des Staats eingedrungen. Und wenn es so ist, dann gibt es kein Entrinnen, und diese Krankheit wird unweigerlich den gesamten und starken, aber von einer tödlichen Krankheit befallenen Organismus vernichten.

Georgi Demidow

Zwei Staatsanwälte

Im Roman fährt Kornew kurz entschlossen nach Moskau. Eigentlich will er um Audienz bei Stalin bitten, doch angesichts der Aussichtslosigkeit entscheidet er sich, bei der Generalstaatsanwaltschaft seine entdeckten „Verschwörungen gegen die Sowjetmacht“ zu melden. Generalstaatsanwalt Andrej Januarjewitsch Wyschinski (1889-1954) empfängt ihn tatsächlich und verspricht, den Vorwürfen nachzugehen. Er stattet den jungen Mann aus der Provinz mit einer Rückfahrkarte erster Klasse aus. Die beiden mitreisenden „Ingenieure“ im Schlafabteil jedoch sind keine harmlosen Passagiere, sondern NKWD-Leute. Die Falle schnappt zu. Der Ankläger wird selbst zum Angeklagten.

Kornew, der „unerschrockene Ritter der sowjetischen Gesetzlichkeit“, weiß sofort, dass es um ihn geschehen ist. Nach monatelangen Folterungen wird der junge Genosse zum Tode verurteilt und später zu Lagerhaft begnadigt. Dort stirbt er nach kurzer Zeit. Präzise beschreibt Naturwissenschaftler und Autor Demidow, was er selbst erleben musste. „Eine schreckliche, unerklärliche Krankheit ist in das Gehirn des Staats eingedrungen. Und wenn es so ist, dann gibt es kein Entrinnen, und diese Krankheit wird unweigerlich den gesamten und starken, aber von einer tödlichen Krankheit befallenen Organismus vernichten.“

War der wahrheitssuchende Staatsanwalt ein blauäugiger Naivling? Eine Art Don Quichotte? Ähnlich wie vor wenigen Jahren Putins Regimegegner Alexej Nawalny? Der ukrainische Regisseur Sergei Loznitsa verneint diese Frage vehement. Er hat Zwei Staatsanwälte als packendes Stück Zeitgeschichte in die Kinos gebracht. Nein, der junge Mann sei eher ein Idealist gewesen. Ohne Menschen wie ihn würden wir nichts über das wahre Gesicht der „sowjetischen Gesetzlichkeit“ erfahren. Unter Stalin, so Loznitsa, seien im ‚Großen Terror täglich dreitausend Menschen erschossen worden. Heute, in Putins Zeiten, würden „jeden Tag tausend Menschen“ in den Stellungen und Schützengräben in seinem Auftrag verbluten.

Aleksandr Kuznetsov als Staatsanwalt Kornew in Sergei Loznitsas Demidow-Verfilmung Zwei Staatsanwälte

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Offizieller Trailer zum Film Zwei Staatsanwälte (F/D/NL/Lettland/Rumänien/Litauen 2025)

Film und Buch sind bedrückend aktuell und – zugegeben – harte Kost. Allerdings ist der Erkenntnisgewinn hoch. Zwei Staatsanwälte zählt für die ZEIT zu den hundert wichtigsten Büchern des Jahres 2025. Der Spielfilm wurde bei seiner Premiere in Cannes gefeiert. Wie einst Alexander Solschenizyns Archipel Gulag ist Demidows Buch ein Augenöffner.

Was flüstert der vom Tod gezeichnete alte Genosse dem blutjungen Juristen in der Kerkerzelle zu? „Hör zu, Junge. Ich mache mir keine Sorgen um mich, ich bin sowieso tot. Für unsere revolutionäre Sache zerreisst´s mir die Seele. Wenn du wirklich ein echter Bolschewik bist, kein Feigling und ein ehrlicher sowjetischer Jurist, fahr heut nach Moskau. Verschaff dir eine Audienz bei Stalin.“

Georgi Demidow

Zwei Staatsanwälte

hrsg. von Thomas Martin, Irina Rastorgueva

Galiani Berlin: Berlin, 2025
240 Seiten
gebunden 23,00 € / E-Book 19,99 €

Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Blogs, den unser Autor am 19. Dezember 2025 auf seiner Webseite veröffentlicht hat.

  • Christhard Läpple
    *1958. Babyboomer. Wir waren immer zu viele: in Kita, Schule, Uni, im Job. Trotzdem gute Zeiten. Kein Krieg, keine Diktatur, keine Armut, keine Not. Das soll so bleiben. Dafür trete ich an: in Wort, Bild, Ton und Text. Auch nach vier Jahrzehnten ZDF.

Bildnachweise

Kinoplakat Zwei Staatsanwälte / Aleksandr Kuznetsov als Staatsanwalt Kornew: PROGRESS Filmverleih
Museum für die Geschichte des GULAG : © Annarapeyko, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili (auch im Aufmacherbild): Public domain, via Wikimedia Commons

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