
Von Wissenschaft, Freiheit und Frieden – 1946 und heute
Anmerkungen zu einem neu aufgelegten Essay von Aldous Huxley
von Wolfgang J. Ruf
Unlängst hat eine Richterin in Philadelphia den Wiederaufbau einer Ausstellung über die Sklaverei in der einstigen Residenz von George Washington, dem ersten Präsidenten der USA, verfügt. Auf Weisung der Regierung war die Ausstellung beseitigt worden – so wie man seit dem neuerlichen Amtsantritt von Donald Trump in vielen Museen und Gedenkstätten das Geschichtsbild der USA im Sinne der MAGA-Bewegung zu manipulieren versucht. Die geschichtsträchtige Stadt in Pennsylvania, in der 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündet und die Verfassung beschlossen wurde, hatte gegen diese Maßnahme Klage eingereicht. Die US-Regierung gebärde sich wie das „Ministerium für Wahrheit“ in George Orwells Roman 1984, heißt es in der Urteilsbegründung, aber es stehe ihr nicht zu, „historische Wahrheiten zu verschleiern und zu verfälschen.“

In seiner Eröffnungsrede zum internationalen Literaturfest Lit Cologne im März beschwor der englische Schriftsteller Julian Barnes die Aktualität von 1984. Mit Blick auf Trumps USA, Putins Russland und China sagte er, dass man zwar im Jahr 1984 noch hoffte, davongekommen zu sein, dass aber Orwells negative Utopie – heute spricht man von Dystopie – in einer von drei paranoiden, tyrannischen Machtblöcken beherrschten Welt inzwischen tatsächlich Realität geworden sei. „Dadurch ist es umso wichtiger, dass Europa überlebt und stark bleibt und nicht auseinanderfällt“, folgerte der 80-Jährige Barnes, ein entschiedener Brexit-Gegner, immerhin.
Wenn man sich die Zeit vergegenwärtigt, in der Orwell seinen Roman schrieb, ist es keineswegs verwunderlich, dass Zukunftsängste damals auch Schriftsteller umtrieben. Das wachsende Tempo wissenschaftlicher und technischer Entwicklung, die zunehmende Zentralisierung der Gesellschaft, die um sich greifende Massenproduktion, der normierte Konsum, die Erfahrung einer bedrohlichen und anonymen Bürokratie, die neuen Kommunikations- und Propagandatechnologien, all das hatte schon einige bedeutende Autoren zur Abkehr vom Fortschrittsglauben gebracht: von Franz Kafka bis Jewgeni I. Samjatin, von H. G. Wells bis Karel Čapek. Nun waren die schlimmsten Gegner der Demokratie gerade in einem opferreichen Weltkrieg niedergerungen worden, wobei der Frieden am Ende nur durch den Einsatz der bislang schlimmsten Waffen erzwungen wurde, durch die Atombomben. Gleichzeitig entdeckte man das bis dahin unvorstellbare Ausmaß der Verbrechen in den Konzentrationslagern. Auch die schreckliche Wirklichkeit in Stalins Reich konnte immer weniger ausgeblendet werden. Und nun wurde diese Macht im Osten Europas, die gestern noch Verbündeter im Kampf gegen die demokratiefeindlichen ‚Achsenmächte‘ war und sich jetzt gen Westen ausbreitete, zu einer neuen Bedrohung des Lebens in Freiheit. Die Schatten des Kalten Kriegs begannen die Erleichterung über das Kriegsende schnell einzutrüben.
Aus eben dieser Zeit tauchte nun ein bemerkenswerter Essay wieder auf: Science, Liberty and Peace von Aldous Huxley, erstmals 1946 in den USA, 1947 in London erschienen.


Der vielseitige englische Autor, der seit den späten 1930er Jahren meist in den USA lebte, galt als Universalgelehrter und einer der wichtigsten Denker seiner Zeit. In seinen späten Jahren verlor er sich in Erfahrungen mit psychedelischen Drogen und spirituellen Erlebnissen. The Doors of Perception (Die Pforten der Wahrnehmung), 1954, war die erste seiner Publikationen zu dieser Thematik und errang Kultstatus. Jim Morrison ließ sich davon zum Namen seiner legendären Rockband The Doors inspirieren. Berühmt geworden war Huxley allerdings schon 1932 durch seinen Roman Brave New World, auf Deutsch noch 1932 zunächst als Welt – wohin?, erst in den 1950er Jahren unter dem Titel Schöne neue Welt. Huxley schildert hier den Alptraum einer total durchorganisierten, in Kasten gegliederten Gesellschaft, in der jede Regung zu eigenständiger Individualität durch Indoktrination, Konsum, Drogen und Sex eliminiert beziehungsweise bereits im Keim erstickt wird. Der Roman ist ein Höhepunkt der erwähnten dystopischen Literatur und bis heute ein entsprechender Lektüre-Tipp.
Nun also der mehr als zwei Jahrzehnte nach Brave New Word entstandene Essay in einer Neuauflage und vom deutschen Verlag neu betitelt. Handelt es sich um eine Fortschreibung, eine Art Update des Bestsellers von 1932? Und stimmt es, was fast unisono in den Feuilletons über das Buch zu lesen war: Huxley habe hier „die Krisen der Gegenwart vorweggenommen“ (Süddeutsche Zeitung)?
Aldous Huxley
Zeit der Oligarchen
Über Wissenschaft, Freiheit und Frieden
München: Hanser Verlag, 2025
96 Seiten
Hardcover 14,00 € / E-Book 10,99 €
Zunächst und vor allem ist das ein Zeitdokument – ganz so wie der Untertitel der ersten Ausgabe lautet: „A thoughtful Analysis of the individual today and his future in the world“, also eine gewissenhafte Analyse des Individuums heute und seiner Zukunft in der Welt. Huxley setzt sich meinungsfreudig mit einer Vielzahl von Themen auseinander, wobei seine Ansichten zu Gesellschaft, Geschichte und Politik beim aufmerksamen Leser im steten Wechsel sowohl Zustimmung als auch Skepsis auslösen. Bei Huxleys unbestreitbarer Eloquenz ist man zunächst beeindruckt, doch wenn man in seine Gedankenwelt tiefer eindringt, auch immer wieder ernüchtert. So schreibt er schon auf der ersten Seite: „Hier soll lediglich festgestellt werden, dass der wissenschaftliche Fortschritt einer der Urheber des voranschreitenden Niedergangs der Freiheit und der Zentralisierung der Macht im 20. Jahrhundert ist.“ Will er damit sagen, dass die Erfindung des Buchdrucks, die vielfältige Nutzung der Elektrizität, die neuere Entwicklung von Hygiene und Medizin, die neuen Möglichkeiten von Fotografie, Fernmeldetechnik, Rundfunk, Film und Fernsehen für das Individuum vor allem negative Auswirkungen hatten? Dass es jeweils davon abhängt, wer die technischen Neuerungen wie gebraucht, dass ihr Nutzen und ihr Missbrauch oft eng beieinander liegen, ist doch eine Binsenwahrheit. Erst recht gilt dies für die Entwicklung der Waffentechnik, die Huxley als Beleg für seine – mit Verlaub, manchmal auch etwas schlicht anmutende – Fortschrittskritik anführt.
Auch Huxleys Leitgedanke, auf den er immer wieder verweist, die Notwendigkeit einer Dezentralisierung der Gesellschaft zur Sicherung von Demokratie und individueller Freiheit, ist so eine zweischneidige Sache. Die Vorzüge und Nachteile von zentralistischer und föderalistischer oder in noch kleinere Einheiten heruntergebrochener Organisationsform werden stets diskutiert. Das ist auch notwendig, weil sich doch immer neue Entwicklungen und Wendungen zeigen. Gewiss, lange Zeit hat man kleinteiligere Gesellschafts- und auch Wirtschaftsstrukturen für demokratiefreundlicher gehalten. Doch neuerdings streben Tech-Milliardäre wie Peter Thiel oder Elon Musk eine libertäre KI-Herrschaft an, in der ihre Algorithmen eine radikal dezentralisierte Gesellschaft aus voneinander unabhängigen Blasen steuern – und somit zentrale Kontroll- und Ordnungsinstitutionen, die für die Demokratie lebenswichtig sind, untergraben. Das konnte auch Huxley nicht vorhersehen, sein Blick in die Zukunft gelangt da an seine Grenzen, und der Mehrwert seiner Voraussagen bleibt sehr überschaubar.

The belief in all-round progress is based upon the wishful dream that one can get something for nothing.
ALDOUS huxley
Bei aller Anerkennung für diese Neuauflage, die sowohl deutsch in neuer Übersetzung als auch im englischen Original nun unter dem Titel Zeit der Oligarchen beziehungsweise Time of the Oligarchs vorliegt, kommt man nicht an einigen kritischen Anmerkungen zum editorischen Gehabe vorbei. Geht’s auch ein paar Nummern kleiner, frage ich angesichts der Anstrengungen des Verlags, für diesen sicherlich immer noch beachtenswerten Essay erhöhte Aufmerksamkeit zu generieren. Das entfachte mediale Bohai weckt falsche oder übertriebene Erwartungen. Das beginnt schon damit, dass der Text weder erstmals auf Deutsch vorliegt, geschweige denn „80 Jahre lang verschollen“ war, wie im Klappentext geraunt wird. Unter dem Titel Wissenschaft, Freiheit und Frieden, also der korrekten Übersetzung des Originaltitels, erschien er schon 1947 im damals renommierten Steinberg-Verlag in Zürich, in dem vorzugsweise Exil-Autoren wie Klaus Mann und Max Brod sowie Anglo-Amerikaner wie Ernest Hemingway, John Steinbeck und eben Huxley in deutscher Übersetzung verlegt wurden. Im englischsprachigen Raum erschien der Essay mehrfach, so wird bei Wikipedia auch auf eine englische Ausgabe aus dem Jahr 1970 verwiesen. Online ist der komplette Originaltext ohnehin schon seit geraumer Zeit frei zugänglich.
Auch das Spiel mit dem Begriff der „Oligarchen“, das der Verlag mit dem neuen Titel und in seinen Ankündigungen treibt, mutet etwas seltsam an. Noch in Dudens Fremdwörterbuch von 1966 wird Oligarchie nicht unbedingt im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Macht definiert, sondern lediglich als „Herrschaft einer kleinen Gruppe“ – und Oligarchen als deren Mitglieder oder Anhänger. So verwendet auch Huxley den Begriff, wenn er etwa beklagt, „dass die Masse der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter oft von zwei Oligarchien abhängig ist: derjenigen der Bosse und derjenigen der Gewerkschaftsführer.“ Ohnehin ist bei Huxley von Oligarchie nicht oft die Rede. Den Begriff Oligarch für den einzeln herausragenden Wirtschaftsführer mit politischem Einfluss, wie es der heutige Sprachgebrauch nahelegt, findet man bei ihm gar nicht. Damals sprach man in solchem Fall eher von Wirtschaftsmagnaten, oder, wenn es um die mediale Beeinflussung der Öffentlichkeit ging, von diesem oder jenem Presse-Tycoon oder Medien-Mogul. Das waren aber schon zu Huxleys Zeit keine Gespenster der Zukunft, sondern reale Figuren, deren Auftreten und Wirken man konkret erlebte. Man denke nur an den Verleger William Randolph Hearst (1863-1951), der im Krieg von 1898 zwischen den USA und Spanien um Kuba mitmischte. Er war auch das Vorbild für die Titelfigur in Orson Welles‘ berühmtem Film Citizen Kane von 1941. Hierzulande kann man auch an Alfred Hugenberg (1865-1951) erinnern, der Hitlers erster Regierung als Minister angehörte. Mit seinem Medienkonzern, der die Hälfte der deutschen Presse kontrollierte, unterstützte er mit nationalistischer und antisemitischer Propaganda den Aufstieg der Nationalsozialisten und trug zum Untergang der Weimarer Republik bei.
Von Oligarchen in der engeren Bedeutung, die heute üblich ist, begann man erst zu sprechen, als sich in der zusammenbrechenden UdSSR raffinierte Geschäftemacher unmäßig bereicherten und auch in die Politik eingriffen. Die US-amerikanische Historikerin und Autorin Anne Applebaum (Die Achse der Autokraten, 2024, ist ein empfehlenswertes Buch von ihr zu dieser Thematik) wies vor einigen Jahren darauf hin, dass westliche Medien die sogenannten Oligarchen aus dem ehemaligen Ostblock als Symbole der Korruption und des Machtmissbrauchs brandmarken, aber ignorieren, dass westliche Wirtschaftsmagnaten wie Rupert Murdoch, David Koch, Robert Mercer, Elon Musk, Mark Zuckerberg, Jeff Bezos und Peter Thiel legal durch einflussreiche Beziehungen zu Reichtum gelangen und die Demokratie durch Medienkontrolle und Lobbyarbeit untergraben. Klar, die Begriffe changieren in ihrer Bedeutung und ihrem Gebrauch. Aber deswegen scheint es mir doch nicht angebracht, die heutige Begrifflichkeit mit derjenigen aus historischer Zeit zu vermengen.

Die vom Verlag hier betriebene Werbekosmetik verursacht mir einiges Kopfschütteln. „Mit gespenstischer Klarsicht nahm Aldous Huxley schon 1946 unsere Gegenwart vorweg“, steht auf dem Buchumschlag. Aber was ist damit gemeint? Eine Klarsicht, die Angst macht oder die unheimlich ist? Wem graut hier vor was? Der Klarsicht vor sich selber? Es ist schon merkwürdig, solch verquere Sprache bei einem Verlag vorzufinden, den man für eine der ersten Adressen in Sachen Sprachpflege hält. Es geht nicht weniger merkwürdig weiter, mit diesem Zitat von Robert Habeck: „Ein Lichtschwert gegen Dunkelheit und Dumpfheit“, lautet der blurb des einstigen Bundeswirtschaftsministers der Grünen. Das ist verständlich, wenn man liest, wie Huxley beklagt, dass die einst so tüchtigen Windmühlen nicht weiterentwickelt werden: Huxley erscheint hier als früher Propagandist der erneuerbaren Energien. Aber hat Habeck, bevor er sein überschwängliches Lob formulierte, auch das Kapitel gelesen, in dem Huxley über die Möglichkeiten spekuliert, die Atomenergie für friedliche Zwecke zu nutzen?
All diese kritischen Einwände sollten indes nicht von der Lektüre abhalten, denn man stößt bei Huxley doch immer wieder auf Passagen, die auch heute noch von Interesse sind und den Leser weiter beschäftigen. So wenn er vom Gift des Nationalismus schreibt, in dem er eine der großen Gefahren seiner Zeit und der Zukunft sieht – und der nach wie vor, zumal in der Verbindung mit wohlfeilem Populismus, die Demokratie einer offenen Gesellschaft bedroht. Sein Zitat des liberalen Publizisten, Historikers und Politikers John Emerich Edward Dalberg-Acton aus dem Jahr 1862 hat auch heute noch Geltung: „Der Nationalismus zielt nicht auf Freiheit oder Wohlstand, denn beide werden dem Gebot geopfert, die Nation zu Modell und Messlatte des Staats zu machen. Sein Weg führt ins materielle und moralische Verderben.“

Huxley beeindruckt auch, wenn er den Typ des boy gangsters als Politiker schildert: „Die Mentalität, die ansonsten vernünftige Erwachsene einnehmen, wenn sie in der internationalen Politik wichtige Entscheidungen treffen, ist die eines vierzehnjährigen Straftäters: hinterhältig und kindisch, bösartig und einfältig, manisch egoistisch, überempfindlich und gierig – und gleichzeitig lächerlich angeberisch und eitel.“ Dass einem zu dieser Beschreibung sofort Politikerfiguren von heute einfallen, beruht wohl weniger auf Huxleys prophetischer Begabung, sondern vielmehr auf seiner exakten Beobachtung grundlegender anthropologischer Fakten.
Man entdeckt bei der Lektüre auch manch treffliche Aphorismen – wenn auch einer der einprägsamsten über die menschliche Unfähigkeit, aus der Geschichte zu lernen, schon bei George Bernard Shaw zu finden ist. Anregend ist dieser Essay für den kritischen Leser allemal – allein schon, weil er immer wieder Widerspruch auslöst und somit den eigenen Blick schärft.
The most important lesson in history, it has been said, is that nobody ever learns history’s lessons.
ALDOUS huxley (nach G. B. Shaw)
Das Jahr 1984 ist lange vorbei, die 1940er Jahre mit ihren Ängsten verschwinden aus der lebendigen Erinnerung. Dass die pessimistischen Zukunftsbilder von einst heute noch oder wieder aktuell wirken, hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Autokraten von heute ausgesprochen rückwärtsorientiert sind. Donald Trump, der US-Präsident, beschwört in seiner MAGA-Blase eine verzerrte Vorstellung der USA von gestern oder vorgestern, obwohl sein Land auch in der Vergangenheit nicht immer so großartig und einig war, wie er offensichtlich selbst glaubt. Wladimir Putin, der russische Präsident, folgt imperialistischen Begierden, die sich sowohl auf das einstige Zarenreich berufen als auch auf Stalins ebenfalls längst in der Geschichte versunkenes Reich. Xi Jinping, der chinesische Staatspräsident, will das ‚Reich der Mitte‘ wieder zu neuer Dominanz bringen, ob mit dem Ausbau seiner Flotte oder neuen Varianten der ‚Seidenstraße‘. Ganz zu schweigen vom kleinen Ungarn: Dessen langjähriger und nun abgewählter Ministerpräsident Viktor Orban forderte in seinen Wahlkämpfen die Revision des Vertrags von Trianon – das ist die Ungarn betreffende Variante des Friedensvertrags von Versailles aus dem Jahr 1920 – und schwadronierte von der Wiederherstellung Groß-Ungarns. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie von einer nationalen Größe als Voraussetzung des Wohlergehens ihrer Gesellschaften fantasieren, die es wieder zu gewinnen gilt – ganz so, als hätten sie aus der Geschichte nichts gelernt, gar nichts.
Heute gibt es aber auch Widerstand gegen diese Autokraten und ihr oligarchisches Gefolge. Er wächst sogar, wo das noch möglich ist. So in den USA, wo am Wochenende vor Ostern bei der dritten landesweiten Protestwelle – wieder unter dem Motto „No Kings!“ und nun auch mit dem Slogan „No Wars!“ – mindestens acht Millionen Bürgerinnen und Bürger bei mehr als 3.300 Demonstrationen, in großen Städten wie in kleinen Ortschaften, gegen Donald Trump und seine Regierung auf die Straßen gingen. Ein Höhepunkt war der Auftritt von Bruce Springsteen vor Zehntausenden mit seinen Protestsong Streets of Minneapolis, den er nach den tödlichen Schüssen von ICE-Bundespolizisten auf die US-Bürger Alex Pretti und Renee Good geschrieben hatte.
Dass Präsident Trump daraufhin zum Boykott von Springsteen-Konzerten aufrief, weil sie „überteuert“ und „langweilig“ seien und der renommierte, vielfach ausgezeichnete Musiker wie eine „Dörrzwetschge“ aussehe, zeigt, welch charakterlicher Wicht hinter der Fassade dieses wichtigtuerisch auftretenden Präsidenten steckt.
Es gibt auch alte, weiße Männer, die sich nicht an rückwärtsgewandten Machtfantasien berauschen, sondern den Blick nach vorne richten. Einer von ihnen ist der eigenwillige US-Senator Bernie Sanders, 84, der sich als Parteiloser der Fraktion der Demokraten angeschlossen hat. Gewiss, in den USA wird er von seinen Gegnern ‚linksradikal‘ genannt, dabei vertritt er ziemlich genau die Auffassung einer liberalen und zugleich sozialen Marktwirtschaft, wie sie in Europa variantenreich praktiziert wird. Auf seinem YouTube-Kanal findet sich dieses aktuelle Statement, das durchaus Hoffnung macht.
Denn er schlägt ganz konkrete Maßnahmen vor, wie die sogenannten Tech-Oligarchen über finanzielle Abgaben zu der gesellschaftlichen Verantwortung verpflichtet werden können, die gerade auch ihnen obliegt. Und er macht Vorschläge zum Umgang mit der KI. Wie bei jeder neuartigen Technologie gilt es, ihre Vorteile zu fördern und zu nutzen – und ihre Gefahren durch Kontrolle einzuschränken. Das sind plausible Vorschläge zur Abwehr der nicht erst in der Zukunft, sondern immer schon auch in der Gegenwart drohenden Gefahren, die durch verantwortungsvolle Politiker umgesetzt werden können. Und vielerorts können die Bürgerinnen und Bürger noch an der Wahlurne dazu beitragen – in den USA, aber auch in Europa, wie das Beispiel Orban zeigt. Auf jeden Fall scheinen mir das wirkungsvollere Wege zu sein als Huxleys Vorschläge, sich auf Satyagraha, Gandhis Konzept des gewaltlosen Widerstands, zu besinnen oder den Wissenschaftlern eine Art Hippokratischen Eid abzuverlangen. Dass solch idealistische Empfehlungen Putins zynische Brutalität oder die Verführung zur Korruption durch die Tech-Milliardäre abzuwehren imstande sind, ist jedenfalls nicht vorstellbar.

Wolfgang J. Ruf
(* 1943 in München) ist Autor, Publizist und Dozent. Sein Themenspektrum umfasst Kulturpolitik, Theater, Film, Medien, Literatur, Geschichte, Politik und Zeitgeschichte. Er war von 1985 bis 1995 Chefredakteur der Zeitschrift Die Deutsche Bühne und Pressereferent des Deutschen Bühnenvereins, danach u. a. Chefdramaturg am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Von 1975 bis 1985 leitete er die internationalen Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen.
Bildnachweise
Aufmacherbild: President Donald Trump with reporters, Elon Musk and X Æ A-Xii in the White House Oval Office on February 11, 2025. Official White House Photo by Daniel Torok: The White House, Public domain, via Wikimedia Commons
Erstausgaben 1984, Science, Liberty & Peace: unbekannt/fair use
Aldous Huxley 1947: Anonymous / Unknown author, Public domain, via Wikimedia Commons
Elon Musk 2025 (Elon Musk speaking at the 2025 Conservative Political Action Conference (CPAC) at the Gaylord National Resort & Convention Center in National Harbor, Maryland): © Gage Skidmore from Surprise, AZ, United States of America, CC BY-SA 2.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0>, via Wikimedia Commons




