[re]visiting Moers – das Buch zum Festival am Niederrhein
von Achim Forst
Ein guter Begleiter für das 55. Moers Festival: das Erinnerungsbuch über 50 Jahre heftige Musik, Gemeinschaft, Gefühle und den Zauber der Improvisation.
Quadratisch, grob kartoniert, ohne Buchrücken, mit offen liegenden Bindefäden, fast so groß und schwer (Verlagsangabe: 1,2 Kilo) wie eine massive Bodenfliese. [re]visiting Moers Festival ist ein bemerkenswertes Buch: Darin hätten auch andere Autoren andere Geschichten erzählen können, und trotzdem wäre es wahrscheinlich ein ebenso richtiges, gutes und zumindest für die Moers-Community auch wichtiges Buch geworden.
[re]visiting Moers Festival
Hg. von Kerstin Eckstein und Kathrin Leneke
Berlin: Wolke Verlag, 2021
232 Seiten
24,00 €
Okay, das mag für viele Firmen-Festschriften – und um eine solche handelt es sich bei diesem Band – auch gelten. Doch in diesem Festival-Buch stecken so viel Erfahrung, Persönliches, Bio- und Autobiografisches, so viel Herzblut und Entwicklungsgeschichten und auch so viel Gefühl und Improvisation, dass es sich fundamental von üblichen Corporate-Jubiläums-Veröffentlichungen unterscheidet.
Along the Way
Ja, wie in solchen Firmen-Prachtbändern gibt es mit Along the Way (in zwei Teilen von 1968 bis 2021) auch hier eine Jahres-Timeline mit vermischten Nachrichten über Ereignisse, Veränderungen und Neuerungen beim Festival, dazu einordnende Texte.
Der Kern des Buches aber sind die 50 durchnummerierten Visits mit knappen oder ausführlichen Erinnerungen und Anmerkungen, von Menschen, die als Musiker, Besucher oder Mitarbeiter das Moers Festival mitgestaltet, beobachtet oder begleitet haben – eine große, mit vielen starken Emotionen gefüllte Wundertüte.
Umzug durch die Stadt gleich 1973 (…) Menschen mit Fotogeräten folgten uns. Manchem blieb vor Staunen der Mund offen. Spaß. Hören und sehen, was er oder sie noch nicht erleben konnte.
Gunter Hampel, Multi-Instrumentalist, Visit 4
red bricks, grey blue sky breathing touching living jazz smiles everywhere
Hayden Chisholm, Saxofonist, Visit 47
Anthony Braxton, Moers 1978
Es treten auf: Zufallsbesucher der frühen Jahre; ein Fotograf, der später fürs Festival fotografierte, und ein anderer, der sich wegen der angeblichen Kommerzialisierung des Festivals ganz abwandte; Musiker(innen), weniger bekannte, aber auch Mitgründer und Stars der frühen und späteren Jahre wie Peter Brötzmann, Günter Christmann, George Lewis, Anthony Braxton, Archie Shepp und Aki Takase; dazu Mitarbeiter(innen), Fans, die jahrzehntelang nach Moers kamen, sowie Besucher, die Moers zufällig entdeckten und für die es nur eine Episode ihres Lebens blieb.
Every year for 10 plus years was like home coming for my Trio, it was very inspiring – big family. Moers festival encouraged my Trio for collaboration, risk taking in experimental music development. Moers festival was one of my teachers – I’m very blessed that I had that wonderful opportunity with the moers festival team.
Odean Pope, Saxofonist, Visit 16 1/3
Moers ist wie eine Art Klassenfahrt. Die perfekte Melange aus Coolness und Kultur. Auf und hinter der Bühne trifft man viele tolle Leute, die sehr ähnlich ticken. Schon bei meinem ersten Besuch als Gast 2003 war klar, auf diesem Festival möchte ich auch spielen. Irgendwann war es dann soweit.
Bernd Oeszsevim, Schlagzeuger, Visit 14
Die meisten Geschichten handeln jedoch von einem schwer zu erklärenden Zusammenspiel zwischen Festival und Besuchern, von Interaktionen, oft über Jahrzehnte hinweg, wie es sie bei solchen Musikveranstaltungen wohl nur selten gibt. Sehr unterschiedliche Menschen berichten, wie ihre Lebenswege – und die internationalen Musiker, wie ihre Karrieren – von den Auftritten in der kleinen Stadt am Niederrhein geprägt wurden. Manche erlebten sogar eine Zäsur zwischen der Zeit vor und der nach ihrem ersten Besuch in Moers.
Das gilt auch für mich, den Rezensenten. So ist dies keine Buchkritik wie jede andere. Denn auch meine ersten ‚Visitsˊ vor über 50 Jahren waren für mich persönlich und ästhetisch prägend. So kann ich dieses Buch sicherlich nicht objektiv – soweit das überhaupt möglich wäre – und nicht einmal neutral beurteilen.
Doch die kleinen Mängel sehe ich trotzdem. Etwa die sprachlichen Ungenauigkeiten, vielleicht auch verursacht von der Scheu, in die meist englischsprachigen Originaltexte prominenter Autor(inn)en einzugreifen. Viel mehr aber hat mich eine konzeptionelle Entscheidung der Herausgeberinnen gestört, die mich zwang, das 300-Seiten-Werk dauernd von vorne nach ganz hinten durchzublättern. Um die 50 Visits, die einzelnen Festivalstimmen, grafisch schnörkellos schön zu gestalten, wurden konsequent Namen und Hinweise weggelassen. Die Autorennamen stehen nur ganz vorne im Inhaltsverzeichnis, Bildinformationen und Jahreszahlen dazu muss man sich in den Anhängen heraussuchen.
Das Moers-Gefühl
[re]visiting Moers Festival erschien 2021 zum 50. Geburtstag, aber auch jetzt, fünf Jahre nach dem Jubiläum, zur 55. Ausgabe, ist dieses Buch für jeden, der mit dem Moers Festival verbunden ist oder war, eine wunderbare Schatzkammer von Erinnerungen und Erlebnissen.
Moers ist ein Ort der Begegnung und der Auseinandersetzung mit der Musik und den Ideen von Musikerkolleg:innen aus aller Welt, ein Ort der Inspiration und Bewusstwerdung der eigenen Position ermöglicht. Dass die Musik angenommen und wertgeschätzt wird, hat stets die Motivation verstärkt, eigene Ideen und Wege zu verfolgen und auch zu realisieren. Moers ist ein „Kreativpool‟, in den einzutauchen immer erfrischend und ermutigend gewirkt hat.
Wolfgang Puschnig, Saxofonist, Visit 37-a2
Gut eingebunden darin sind die wenigen analytischen oder rekapitulierenden Hintergrundtexte: Vom Treiben der Flaschenpost von Berthold Seliger skizziert die Entstehung des Moers Festivals im Umfeld der Subkulturen nach den Protestbewegungen der 60er Jahre und versucht die Frage zu beantworten, was das damals war, das berühmte ‚Moers-Gefühlˊ, und ob es das heute noch gibt. Seligers Beschreibung der Entwicklung und der Aktivitäten der Gründer ist überzeugend, so wie auch sein Vorschlag, die Festivalgeschichte als eine Art Flaschenpost für die Gegenwart zu verstehen. Hätte er doch nur am Ende darauf verzichtet, das Moers Festival mit marxistischen Ideologie-Werkzeugen der 60er und 70er Jahre zu bearbeiten und dabei eine kleine Publikumsbeschimpfung einzubauen: „Menschen, die Festivals wie das in Moers besuchen, gehen davon aus, sie seien Teil einer anderen Gesellschaft, tragen aber gleichzeitig auch dazu bei, Kultur in Ware zu verwandeln.“
Die Japan-Connection
Ein Text ist der 50-jährigen Japan-Connection von Moers gewidmet, die sich immer wieder in den Programmen widerspiegelte. 1977, drei Jahre nach dem Auftritt des japanischen Yosuke Yamashita Trios, kam der frühere Filmjournalist Teruto Soejima (* 1931) zum ersten Mal als Jazzkritiker nach Moers und blieb ein Fan und ein Botschafter des Festivals bis zu seinem Tod 2014. Für Moers reiste Soejima bis in die entlegensten Winkel seines Landes und erzählte Musikern von der kleinen deutschen Stadt am Rhein, in der man jedes Jahr einen guten Überblick über die Avantgardeszene der USA bekommen und einige der weltweit wichtigsten Künstler erleben konnte.
Komponieren in zehn Sekunden
Felix Klopotek wirft in seinem kurzen Essay Improvisationskunst einen Blick in den kreativen Maschinenraum der frei improvisierten Musik und ihrer Geschichte – von der Phase des ‚Kaputtspielensˊ(Peter Kowald) im brachialen, vor allem europäischen Free Jazz, der europäischen Orientierung an afroamerikanischen Vorbildern wie Cecil Taylor und Ornette Coleman bis zum Finden eigener musikalischer Identitäten. Klopotek beschreibt sehr schön die Prozesse ästhetischer Praxis beim freien Improvisieren – das Wechselspiel von spontanem persönlichem Ausdruck, Gruppengefühl und Aufeinander-Hören. Dass dabei, wie es der berühmte Saxofonist Steve Lacy auf den Punkt brachte, dem/der Improvisierenden für zehn Sekunden Musik ganz im Gegensatz zum Komponisten nur genau diese zehn Sekunden zur Verfügung stehen, macht, so Klopotek, „die Sache nicht einfacher. Aber wer hat das schon behauptet?‟
Improvisierte Musik kannte ich nur von Grateful Dead oder von einigen Coltrane-Aufnahmen. Moers hat mich dann auf eine ganz neue Schiene geschickt. A never ending story sozusagen. Sie begann 1979 und schreibt sich für mich bis heute fort: Pfingsten geht es an den Niederrhein.
Claude Steffen, Visit 18
mehr zum Thema
Bitte akzeptieren Sie YouTube-Cookies, um dieses Video abzuspielen. Dadurch werden Sie zu Inhalten von YouTube, eines externen Anbieters, weitergeleitet. Wenn Sie diese Mitteilung akzeptieren, wird Ihre Auswahl gespeichert, und die Seite wird aufgerufen.
Gespräch mit dem Bassisten und Künstlerischen Leiter Tim Isfort (auch in kurzer Clip-Version) über die 50jährige Festivalgeschichte, musikalische Freiheits- und Körpergefühle und die musikalische DNA von Moers.
Bitte akzeptieren Sie YouTube-Cookies, um dieses Video abzuspielen. Dadurch werden Sie zu Inhalten von YouTube, eines externen Anbieters, weitergeleitet. Wenn Sie diese Mitteilung akzeptieren, wird Ihre Auswahl gespeichert, und die Seite wird aufgerufen.
Die Ausgabe 2025 in 15 Minuten mit subjektiven Musikclips – zur Erinnerung für die, die dabei waren, und zur Info für die anderen, die es nicht waren: unvollständig, roh und sanft und meist mit recht gutem Ton.
Dem Baby gehtˊs gut
Als 50. Besucher reiht sich bei den Visits am Ende auch der aktuelle Festivalleiter Tim Isfort ein: mit dem schönen Foto, das seine Familie und ihn 1978 als 11-Jährigen auf dem Bonanzarad über den Moerser Bretterzaun blickend zeigt. Isfort erzählt nicht seine persönliche Geschichte mit Moers, sondern startet eine Art Friedensaufruf an alle alten Moers-Kontrahenten. Denn – was im Buch sonst nur zwischen den Zeilen spürbar wird –, das Moers Festival war hinter den Kulissen immer wieder auch ein Ort heftiger organisatorischer und ästhetischer Auseinandersetzungen.
Links: Tim Isfort mit Familie beim New Jazz Festival in Moers 1979. Rechts: Festivalleiter Tim Isfort in unserem Interview im Juni 2025.
„Tja, der Kampf um die Zukunft der Idee moers war und ist radikal, wütend, selbstausbeuterisch, existenziell und auch ein bißchen traurig-schön‟, schreibt Tim Isfort und versichert den „Eltern, Pflegeeltern und Patchworkern‟ des Festivals, die das Gefühl haben, dass ihnen „ihr Baby‟ weggenommen wurde: „Es ist quicklebendig! Es hatte eine wilde Kindergartenzeit, eine prima Schulzeit, durfte diverse Studiengänge abchecken und lebt heute ziemlich unangepasst und wach in dieser Welt. Außerdem hat es viele Freunde!‟
Achim Forst
Liebt Filme-Editieren und Fahrradfahren, Podcasts- und Musik-Hören und -Spielen. War 30 Jahre Redakteur der Filmredaktion 3sat des ZDF, Autor von TV-Dokumentationen, vorher freier Film- und Musikjournalist, Hörfunkautor und Programm-Mitarbeiter von Filmfestivals.