
Weltmusik wie im Märchen
Einblicke ins Programm des Moers Festival 2026
Schon vor dem Start am 21. Mai stand fest: Das 55. Moers Festival wartet mit einigen Superlativen auf. Unter dem Motto „… wie im Märchen‟ ist es mit fünf Tagen das längste der Festivalgeschichte, und es kehrt zu seinem Ursprung im Moerser Schlosshof zurück. Mit der Hauptbühne auf dem Kastellplatz fand das Festival seit 1974 nicht mehr so nahe der Innenstadt statt. Das Festivaldorf schafft nun die Verbindung vom Stadtzentrum in den Schlosspark. Und mit noch mehr Spielorten und Projekten beweist das Festival passend dazu, dass es ein dauerhafter Bestandteil der Moerser Stadtkultur sein und bleiben will.
Passend zu den Fokusländern in diesem Jahr setzte Moers zur Festivaleröffnung setzte Moers auf afrikanische Spiritualität und Tradition, mit dem Auftritt der WDR Big Band zusammen mit dem südafrikanischen Pianisten Nduduzo Makhathini und seiner „Ntu Sound Chamber Experience‟. Makhathini „schöpft seine Inspiration sowohl aus der afrikanischen Kosmologie als auch von Jazz-Legenden wie John Coltrane und McCoy Tyner‟, schrieb Ronald Bunn auf der englischsprachigen Webseite Routes, A Guide to Black Entertainment. „Seine Musik dient oft als Medium für Heilung und Reflexion und zielt darauf ab, die Zuhörer mit tieferen Aspekten der menschlichen Erfahrung zu verbinden.‟
Eins der Schwerpunktländer sind in diesem Jahr die USA, weil Festivalleiter Tim Isfort dem bösen Märchenerzähler Trump und der „Marginalisierung Schwarzer Kultur unter dem derzeitigen US-Regime‟ mit einigen hochkarätigen Gruppen etwas entgegensetzen will. Dazu werden unter dem Label ?Afrika Gruppen aus Togo, Benin und Ghana im Mittelpunkt vorgestellt. Das Fragezeichen erinnert daran, dass wir dazu neigen, die zahlreichen Länder und Kulturen des Kontinents alle in einen Topf zu werfen. Dagegen arbeiten das Festival und sein Leiter schon lange an – Tim Isfort, der vor vielen Jahren selbst als weltreisender Musikbotschafter und Bassist unterwegs war.
So beweist Moers auch 2026, dass es längst ein Weltmusik-Festival geworden ist. Natürlich weiterhin fernab von eingängigen Ethno-Sounds, immer mit dem Fokus auf innovativen, experimentierenden Musikern und Musikerinnen.
Zwei Beobachtungen, von denen ich die erste nicht festival-statistisch belegen kann: Vielleicht noch nie gab es in Moers so viele Ensembles, in denen Frauen im Mittelpunkt standen, und wohl noch nie so viele Ensembles, die ausschließlich aus Frauen bestanden. Zwei der weiblichen Stars sind die US-amerikanische Saxofonistin Lakecia Benjamin und die junge Trompeterin Skylar Tang.
Und: Die lokale und regionale Musikszene wird von Moers schon seit Jahren mit traditionellem Jazz in den Rahmenprogrammen eingebunden, ohne dass die grundsätzliche Avantgarde-Ausrichtung des Festivals in Frage gestellt würde. Zum Glück ist die aus puristischen Kritikern und Fans bestehende ‚Jazz-Polizeiˊ früherer Jahre, die so etwas streng verboten hätte, nicht mehr aktiv.
Gleichzeitig setzt Moers auf mehreren Schienen seinen Weg zu einem der relevantesten Festivals der improvisierten Weltmusik fort, nicht als Einzelkämpfer, sondern vernetzt: Die Partnerschaft mit dem Huddersfield Contemporary Music Festival wird mit mehreren britischen Projekten fortgeführt. Und Moers schlägt weiterhin Brücken zur klassischen Moderne, diesmal mit Projekten anlässlich der 100. Geburtstage des US-Amerikaners Morton Feldman und des ungarischen Komponisten György Kurtág.
Fortgesetzt wird auch die Tradition der Auftragskompositionen. Im Mittelpunkt diesmal Der Moderne Mensch und der Heilige Berg, komponiert von Gellért Szabó, gespielt von seinem Ideal Orchestra. Das große Improvisationsensemble aus Leipzig wird in Moers mehrmals auftreten und sicherlich mit seinen unter die Haut gehenden, großformatig-wuchtigen und magischen Klängen begeistern. Ich vermute, das wird einer der Höhepunkte des Moers Festivals 2026 sein.
Passend zum Jahresmotto verspricht das Festival wieder eine Menge „märchenhafter Entdeckungen‟, mit Gruppen unter anderem aus Indonesien, Brasilien, Island und Ägypten. Dazu das Sechs-Nationen-Ensemble InEvitable der aktuellen Improviser in Residence des Festivals, der griechischen Komponistin, Vibrafonistin und Sängerin Evi Filippou. Oder – zwei Beispiele völlig unterschiedlicher musikalischer Ansätze – das wilde Experimental-Pop-Duo WitchˊnˊMonk und der programmierende Klangkünstler Moritz Simon Geist, der in seinen Installationen faszinierende Kombinationen von Robotik und analogen Klängen kreiert.
Achim Forst




