Kluge Einschätzungen, schräge Begriffe, wilde Thesen

Einige Anmerkungen zu historisch-politischen Büchern von Sebastian Haffner, Peter Sloterdijk und anderen

von Wolfgang J. Ruf

In Buchhandlungen komme ich derzeit an den überbordenden Tischen mit Neuerscheinungen zu Politik und Zeitgeschichte nicht schnell vorbei. Auch der allseits respektierte Sozialdemokrat Klaus von Dohnanyi, inzwischen 98 Jahre alt, ist da meist vertreten, sogar mit mehreren Titeln. Unlängst erklärte er, das Bündnis Sahra Wagenknecht wegen dessen Ablehnung der Hilfen für die Ukraine unterstützen zu wollen. So ist es nicht verwunderlich, dass man schon beim flüchtigen Blättern in einer erweiterten Neuauflage seiner Streitschrift Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche von 2022 auf Stellen stößt, in denen er die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine in Frage stellt, die NATO als hauptverantwortlich für den russischen Überfall auf die Ukraine macht und dem Westen vorwirft, die Ukraine aus der Russischen Föderation herausgebrochen zu haben. Es gibt zwar eine russisch-ukrainische Geschichte, die weit ins Zarenreich zurückreicht und gewiss sehr komplex ist, aber sicherlich auch kolonialistische Züge seitens Russlands trägt. Doch die Russische Föderation, also der heutige russische Staat, wurde erst nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember 1991 proklamiert, und die einstige Sowjet-Republik Ukraine war zu diesem Zeitpunkt schon ein eigenständiger, souveräner Staat.

Donald Trump im Borgia-Kostüm

Besonders fällt einem ein Buch ins Auge, auf dem US-Präsident Donald Trump in Kostüm und Pose eines Renaissance-Fürsten figuriert. Es ist eine eindrucksvolle KI-Bearbeitung des ikonischen Bilds eines Edelmanns von Altobello Melone, das man früher für ein Porträt Cesare Borgias von Giorgione hielt.

Peter Sloterdijk
Der Fürst und seine Erben
Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute

Berlin: Suhrkamp Verlag, 2026

189 Seiten

22,00 € / E-Book 18,99 €

Die auffällige Umschlaggestaltung mag zwar der Intention des Buchs Der Fürst und seine Erben – Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leute von Peter Sloterdijk entsprechen, weckt aber umgehend auch meine Skepsis. Denn selbst ein skrupelloser Machtpolitiker wie Cesare Borgia (1475 – 1507), der auch verbrecherische Methoden nicht scheute, war hochgebildet; er hatte Theologie und Kirchenrecht studiert, beherrschte vier Sprachen und ernannte Leonardo da Vinci zu seinem Berater. Wie Sloterdijk dazu kommt, den heutigen US-Präsidenten als einen Nachfolger dieses scharfsinnigen Renaissance-Herrschers zu charakterisieren, erschließt sich nicht. Bei Trumps Herrschaft liegt mir der Gedanke an eine Ochlokratie näher: mit ihm als Gallionsfigur, die sich der zur Herrschaft drängende Pöbel zum Anführer erkoren hat. Noch zutreffender für die Regierung im Weißen Haus ist wohl der Begriff einer Kakistokratie, einer Herrschaft der Schlechtesten – ihn nutzte kürzlich der demokratische Abgeordnete Jared Huffman aus Kalifornien, als er die Auseinandersetzungen um den Lincoln Memorial Reflecting Pool, eines der Lieblingsprojekte des US-Präsidenten, inmitten des ungelösten Konflikts mit dem Iran kommentierte.

Posthumes Portrait des Niccolò Machiavelli, gemalt von Santi de Tito

Der „philosophierende Schriftsteller“, wie Sloterdijk sich mal selbst genannt hat, geht von Niccolò Machiavellis berühmtem, vor gut 500 Jahren entstandenen Werk Il principe aus, um die autokratischen Herrschaften von heute zu erkunden und besser zu verstehen. Der Philosoph, Diplomat und Schriftsteller aus Florenz zeichnete, inspiriert von der Figur des Cesare Borgia, das Bildnis eines Herrschers, der sich nicht mehr durch Gottesgnadentum und dynastische Vorrechte legitimiert, sondern die Macht auf eigene Faust an sich reißt, erhält und ausbaut. Nicht nur bei Trump, der nun doch schon zum zweiten Mal mehrheitlich zum Präsidenten der USA gewählt wurde, hinkt dieser Vergleich.

Auch die anderen von Sloterdijk angeführten Autokraten, Russlands Präsident Wladimir Putin, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, Chinas Xi Jinping oder Indiens Narendra Modi, können nicht so einfach als Erben der Renaissancefürsten wohlhabender Stadtstaaten und Herzogtümer Nord- und Mittelitaliens klassifiziert werden – zu unterschiedlich sind doch die Zeiten, Verhältnisse, Personen und Herausforderungen. Wenn man schon Il principe, die berühmte Schrift über die neue Art eines Alleinherrschers, zum Maßstab nimmt, so sollte man auch bedenken, dass Machiavelli zur gleichen Zeit an den Discorsi arbeitete, in denen er das Idealbild einer Republik ohne Fürsten zeichnete. Aber statt diesen spannenden Gegensatz zu interpretieren, fällt bei Sloterdijk kein Wort zu den Discorsi.

Peter Sloterdijk

Zweifellos bestechen Sloterdijks Ausführungen über Macht und Herrschaft, in denen er bis auf den Sündenfall von Adam und Eva zurückgreift und sich dann wieder in die aktuelle Gegenwart einmischt, durch ihre schier unermessliche Fülle an Hinweisen, Zitaten, Assoziationen, Anspielungen und Thesen aller Art. In Machiavellis Schrift sieht Sloterdijk zurecht so manchen auch heute noch wichtigen Aspekt, wie etwa die Frage, ob ein Herrscher in schwieriger Situation auch fähig sein sollte, von ethischen Grundsätzen abzusehen, um dem Untergang, dem eigenen oder dem seines Reichs, zu entgehen.

Dann aber verliert er sich wieder in befremdlichen Folgerungen und krausen Begrifflichkeiten. So schreibt er zu Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“, dass „es auf den ersten Blick scheinen mag, als sei mit Banalität nur eine Zuspitzung von Zufälligkeit gemeint, insofern auch das Nicht-Notwendige ironischerweise in den Formen von Regelhaftigkeit, Gleichmäßigkeit und routinierter Tödlichkeit zum Zug kommen kann.“ Weiter heißt es im Zusammenhang „mit der massenhaften Ermordung europäischer Juden“, wie Sloterdijk die Nazi-Verbrechen benennt: „Wird die Zufälligkeit des Bösen bis zur Banalität vorangetrieben, tritt am Bösen selbst ein Merkmal hervor, das von seiner Präsenz und Wirkungsweise nicht mehr weggedacht werden kann.“ Nun ist das Wort „banal“ gewiss kein Komparativ von „zufällig“, und die Verbrechen der Nazis waren – aus deren Sicht – weder überflüssig noch zufällig, sondern das logische und systematische Ergebnis einer radikalen Ideologie. Als Leser oder Leserin muss man schon durch eigenes Wissen und Denken gewappnet sein, um in solchen Passagen nicht unterzugehen.

Philosophische Wündertüte

Dem kundigen Leser erweist sich Sloterdijks Buch freilich als eine Wundertüte, an deren Inhalt man auch Vergnügen finden kann. Etwa wenn Sloterdijk wieder einmal einen seiner Lieblingsbegriffe, die „Vertikalspannung“ beziehungsweise die „Vertikalität“, in diktatorischen Systemen als „Verwilderung der Vertikalachse“ variiert. Oder wenn er seiner Neigung zum Erfinden neuer Begriffe, die auf den ersten Blick rätselhaft scheinen, erliegt. So schreibt er, ausgehend von Nietzsche und Heidegger, über die Gegenwart, dass sie von der „Telemalignität“ beherrscht zu werden droht. Der zunächst verblüffte Leser erkennt schnell, dass Sloterdijk damit nichts anderes meint als ferngelenkte Waffen. „Böse Gedanken kleiden sich inzwischen in die Form von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern“, schreibt er. Wie bösartig solche Waffen sind, möchte ich hier anmerken, hängt doch davon ab, wer sie wozu einsetzt. Wer die im Titel des Buchs erwähnten „gewöhnlichen Leute“ sind, bleibt trotz mancher Erklärung unklar – mal ist es das Volk, das sich einen Herrscher wünscht, der entschieden durchregiert, dann sind es die Wähler, die in eine Falle gehen, und am Ende setzt Sloterdijk darauf, dass der europäische Bürger durch eine von Nietzsche schon vorgeschlagene Impfung des Wahnsinns immun gegen die „großen Männer wird.“ Sloterdijk schreibt in seinem Fazit: „Der Impfstoff ist eine reduzierte Dosis des Wahns einer Identität, die Macht verleiht, sei sie national, ethnisch, religiös parteipolitisch oder was auch immer.“

Was will er damit aktuell sagen? Dass ein bisschen AfD besser ist als das angstvolle Zittern hinter der sogenannten Brandmauer? Oder was sonst? Stilblüten sind bei solch abgehobener Fabulierlust inbegriffen. So liest man über den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. in Moskau: „Unter ihm wandelte sich das östliche Christentum in die moralische Tapete einer neo-imperialen Aggressionsmacht.“

Zurück zum Ernst dieser Angelegenheiten: Sloterdijk beeindruckt immer wieder durch seine Belesenheit und die daraus erwachsenden Überlegungen. Mal beschwört er zum Übergang von der Fürstensouveränität zur Volkssouveränität „einen Resonanzraum, in dem sich die Stimmen Luthers, Grotius‘, Rousseaus, Burkes und Kants vermischen“, wobei der dubiose, von Sloterdijk gleichwohl oft zitierte Staatsrechtler Carl Schmitt sogar verblasst. Dann gelingt es ihm, in nur fünf Zeilen drei so unterschiedliche Denker wie den Philosophen Martin Heidegger, den DDR-Dissidenten Rudolf Bahro und den französischen Soziologen Edgar Morin in einen Zusammenhang zu stellen, der die aktuelle Notlage unserer Welt verdeutlichen soll.

Gefährliche Vordenker: Ayn Rand & Iwan Iljin

Bei der Fülle von Zitaten von Vordenkern und von Hinweisen auf Einflüsse, die Sloterdijk unentwegt ausbreitet, mutet es allerdings schon sehr seltsam an, dass er den US-Präsidenten Donald Trump am Ende nur einen „mad man ohne Plan für den nächsten Tag“ nennt. Und dass er von dessen Gegenspieler im Kreml behauptet: „Putin lebt jeden Tag mehr Auge in Auge mit dem Nichts. Wer dürfte verkennen, dass er, unfähig, über sich hinauszudenken, mit sich allein ein apokalyptisches Pokerspiel begonnen hat?“ Das ist, wenn nicht gar Unsinn, doch ein allzu dürftiges Ergebnis des über fast 200 Seiten betriebenen intellektuellen Aufwands. Kein Wort fällt bei Trump zu seiner Prägung durch das Immobiliengeschäft, in dem er aufwuchs und in dessen Dunstkreis er immer wieder Gefolge für seine Regierung findet. Kein Hinweis findet sich bei Putin zu dessen tiefsitzender Sozialisierung und Ausbildung im KGB, dem sowjetischen Geheimdienst, der nach allerlei Transformationen immer noch von Einfluss ist.

Da ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass Sloterdijk bei Trump und auch bei den Tech-Milliardären, die ihn unterstützen, nicht einmal auf den Einfluss von Ayn Rand eingeht – und bei Putin auch nicht auf die Rolle von Iwan Iljin. Wer sind die beiden, wie wichtig sind sie in diesem Zusammenhang?

Ayn Rand, geboren 1905 im russischen St. Petersburg, gestorben 1982 in New York, war eine russisch-US-amerikanische Bestsellerautorin, die sich auch zu Themen der Ökonomie, politischen Philosophie und Ethik äußerte und eine ‚Objektivismus‘ genannte Weltanschauung entwickelte. Dabei vertrat sie die Ansicht, dass Moral in rationalem Eigeninteresse zu begründen sei. Sie plädierte für einen extremen Individualismus und einen uneingeschränkten, radikal-neoliberalen Kapitalismus. Sie war strikt gegen Kompromisse; einer ihrer Kernsätze lautet: „Bei jedem Kompromiss zwischen Essen und Gift kann nur der Tod gewinnen“.

Ayn Rand: Hollywoods Über-Kapitalistin. Video, ARTE 2021, ca. 6 Min.

Ihre Bücher erreichten eine Gesamtauflage von 30 Millionen Exemplaren. Rand zählt in den USA zu den einflussreichsten und meistgelesenen politischen Autoren. In Europa ist sie weniger bekannt, aber ihre Ideen kursieren auch hierzulande in rechtsliberalen und wirtschaftslibertären Kreisen. Der Drang vieler Tech-Gründer nach Deregulierung, Skepsis gegenüber demokratischer Kontrolle, staatlichen Institutionen und traditionellen Wohlfahrtseinrichtungen entspricht vollkommen Rands Ideologie. Die Vision einer technokratischen Elite, die den Staat im Grunde überflüssig macht oder nach Unternehmerlogik umkrempelt, beruht auf ihren Thesen. Durch Anhänger ihrer libertären Anschauungen unter den sogenannten Tech-Milliardären, wie Peter Thiel und Elon Musk, wurden Präsident Donald Trump und sein Vize J. D. Vance unmittelbar von dieser antidemokratischen Ideologie beeinflusst. Auch Argentiniens Javier Milei gehört zu Rands Verehrern.

Der Philosoph und Publizist Iwan Iljin (1883 – 1954) gilt dem russischen Präsidenten Wladimir W. Putin als der wichtigste Vordenker für die Wiedererrichtung eines neuen Russlands. Der aus einer aristokratischen Moskauer Familie stammende Iljin war zeitlebens entschiedener Monarchist, Sympathisant der Slawophilie und des Faschismus. Er sah Russland als unfehlbares, göttliches Imperium und lehnte westliche Demokratien strikt ab. Er verstarb im Schweizer Exil. Putin ließ seine Gebeine 2005 nach Russland überführen und feierlich im Moskauer Donskoi-Kloster bestatten; regelmäßig zitiert er ihn in seinen Reden.

Beide, Rand und Iljin, sind Stichwortgeber für eine Politik, die unsere offene, demokratische Gesellschaft derzeit konkret bedroht. Dass sie in Sloterdijks Buch, das sich doch ganz offensichtlich als aktuell geriert, keine Rolle spielen, mindert dessen Bedeutung erheblich.

Deutschland und Russland: eine ‚teuflische‘ Beziehung?

Besondere Aufmerksamkeit unter den vielen politisch-historischen Neuerscheinungen weckt auch Der Teufelspakt – Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen – nicht nur wegen des markanten Titels und seiner aktuellen Anspielung, sondern auch wegen seines Autors Sebastian Haffner, einem der bedeutenden politischen Publizisten der alten Bundesrepublik. Sein Buch Anmerkungen zu Hitler, das 1978 erschien, gilt als Klassiker zur neueren Geschichte – auch wenn über so manche der enthaltenen Thesen begründet gestritten werden kann. Schon beim Aufblättern zeigt sich, dass Der Teufelspakt trotz der gewichtigen Thematik auch eine zugänglichere Lektüre ist als die ausufernde, mitunter anstrengende Suada von Sloterdijk. Das liegt nicht daran, dass Haffners Text zuerst als Artikelserie in der Illustrierten Stern erschien, wo ein verdaulicher Stil gefragt war. Sondern dass er ein souveräner Autor ist, der selbst komplexe Sachverhalte und Entwicklungen anschaulich und lebendig zu schildern versteht.

Sebastian Haffner
Der Teufelspakt
Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen

München: Hanser Verlag, 2026

224 Seiten

24,00 € / E-Book 17,99 €

Mit dem Titel beginnt aber auch schon das Problem der an sich verdienstvollen Neuauflage, genauer: mit dem Untertitel. Als Der Teufelspakt 1968 als Buch erschien, trug es den Untertitel Fünfzig Jahre deutsch-russische Beziehungen. Es behandelte exakt den Zeitraum von 1917 bis 1967. In der Neuauflage von 2026 heißt es nun: Der Teufelspakt – Eine Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen. Es handelt aber weiterhin nur von der Zeit 1917-1967 – als hätte es in den Jahren davor und danach nichts von Belang zwischen Deutschland und Russland gegeben, keine preußisch-russischen Teilungen Polens, keinen gemeinsamen Kampf gegen Napoleon, kein Prag 1968, keine polnische Solidarnosc mit ihren Auswirkungen, keinen Breschnew, Gorbatschow, Jelzin und Putin, auch keine Ost-Politik von Willy Brandt… Wie unlängst bei der Neuauflage eines Essays von Aldous Huxley versucht der noch immer als seriös geltende Verlag auch hier mit der Änderung eines Titels eine Aktualität vorzutäuschen, die das Buch nicht einlösen kann. Das ist einfach Etikettenschwindel und Kundentäuschung.

Ausgabe 1968 bei Rowohlt
Ausgabe 1988 bei Manesse

Zu empfehlen ist Haffners Buch dennoch. Es erschien zwar schon in mehreren verstümmelten Nachauflagen, wobei missliebige oder unzeitgemäß wirkende Kapitel weggelassen wurden, etwa dasjenige über die Kriegsverbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion. Haffner hatte schon lange, bevor ab 1995 und ab 2001 die viel diskutierten Ausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung auf diese verwiesen, von der dunklen Seite der deutschen Kriegsführung im Osten berichtet. Dass Der Teufelspakt im Jahr 1968 wenig Anklang fand, hat aber wohl andere Gründe. Gerade sie machen dieses Buch auch heute noch wichtig.

Zunächst erzählt Haffner detailliert, wie das deutsche Kaiserreich im April 1917 den Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin im plombierten Eisenbahnwaggon aus dem Züricher Exil nach Russland schleuste, um das Zarenreich von innen zu destabilisieren. Dieses taktische Bündnis führte zur Oktoberrevolution und dem späteren sowjetischen System. Dann folgte der deutsch-sowjetische Vertrag von Rapallo, der 1922 geschlossen wurde und den Westen irritierte. In dessen Folge entstand dann zwischen den beiden Parias der internationalen Staatengemeinschaft eine lange unbekannt gebliebene Zusammenarbeit: ein Pakt zwischen den erzkonservativen Anführern der deutschen Reichswehr und der Roten Armee der noch jungen UdSSR, die gemeinsam die Regelungen des Friedensvertrags von Versailles aushebelten. In seinem lesenswerten Nachwort von heute bringt der Historiker Karl Schlögel diese Absurditäten auf den Punkt: „Deutsche Militärexperten erproben in der Sowjetunion die Waffen, die nach dem 22. Juni 1941 auf sowjetischem Territorium eingesetzt werden, und sowjetische Offiziere erlernen das Kriegshandwerk, mit dem sie bald Hitlers Armeen schlagen werden. Die Deutschen also als die Lehrmeister ihrer späteren Besieger.“

Das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939 zum deutsch-russischen Nichtangriffspakt, unterzeichnet von Joachim von Ribbentrop, Reichsminister des Auswärtigen des Deutschen Reiches, und Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten der UdSSR.

Dass Haffner diese dubiosen deutsch-sowjetischen Machenschaften ausführlich ans Licht brachte, hat 1968 weder den Konservativen noch den Linken gefallen. Die ideologische Nähe und die Zusammenarbeit zwischen Links- und Rechtsextremen im vereinten Kampf gegen die Weimarer Demokratie, für die es vielerlei Belege gibt, waren damals noch mit Tabu belegt.

Problematisch wird Haffners Buch, je näher es der Gegenwart rückt. Trotz seiner bezwingenden Eloquenz und seiner oft bestechenden Scharfsicht stößt man auch auf blinde Flecken. Zwar wird die Vorbereitung des deutsch-sowjetischen Nicht-Angriffspakts von 1939 noch minuziös geschildert, wobei der Autor die Motive auf den unterschiedlichen Seiten sehr kundig erfasst. Aber das ominöse Zusatzprotokoll, sozusagen eine Neuauflage der einstigen preußisch-russischen Vereinbarungen, das Polen wieder von der Landkarte verschwinden lassen sollte, spielt erstaunlicherweise keine wichtige Rolle. Auch nicht, dass das Deutsche Reich damit Stalin freie Hand von Finnland, über das Baltikum bis nach Bessarabien und in die nördliche Bukowina einräumte. Dieses Zusatzabkommen wurde noch 1989 in der DDR als westliche Propaganda abgetan. In Finnland, wo man nach dem Einfall der UdSSR im Winterkrieg 1939/40 vergebens um deutsche Hilfe bat, und auch in Polen, wo die Rote Armee im September 1939 nur 2½ Wochen nach der Deutschen Wehrmacht einmarschierte, war das aber immer bekannt. Im Westen wusste man seit den Nürnberger Prozessen im Frühjahr 1946 von diesem unseligen Zusatzprotokoll, das doch vor allem den Titel von Haffners Buch rechtfertigt.

Sebastian Haffner

Unangenehm berührt schon, wie Haffner hier überhaupt mit Polen umspringt. Er wundert sich doch tatsächlich, dass Polen 1938 nicht auf Hitlers „großzügiges Angebot“ eingegangen sei und sich nicht ähnlich wie Rumänien und Ungarn mit Deutschland gegen Russland verbündet hat. „Aber Polen wollte nicht“, schreibt Haffner, „Ob aus Edelmut oder aus Misstrauen, ob aus Ehrgefühl oder aus Größenwahn oder aus einer Mischung von dem allen – es wollte nicht, es stellte sich taub, es ließ nicht mit sich reden.“ Den historischen Kontext, dass Polen erst seit einigen Jahren der deutsch-russischen Kolonisierung entkommen und wieder souveräner Staat geworden war, lässt Haffner ganz außer Acht.

Doch das scheint nicht ganz zufällig. Das Schicksal der Länder zwischen Deutschland und Russland beziehungsweise der UdSSR scheint ihn ohnehin nicht sonderlich zu interessieren, er nennt sie meist „Brückenländer“, „Länderbarrieren“ oder „Zwischeneuropa“. Dem entspricht auch, dass er den Vielvölkerstaat der UdSSR kaum wahrzunehmen willens ist, stattdessen fast immer von Russland schreibt. So kommt es dann auch dazu, dass meist vom deutschen Eroberungskrieg in Russland die Rede ist, obwohl die deutschen Kampfhandlungen und Kriegsverbrechen lediglich im Westen Russlands, vor allem aber in Belarus und in der Ukraine stattfanden.

Eigensinnige Positionierungen – Stimmungsbilder jener Jahre

Wie ein Schatten liegt über dem letzten Drittel dieses Buchs, also den Kapiteln zu den Nachkriegsjahren, Haffners Groll gegen die Bonner Regierung Adenauers, weil dieser Stalins Angebot zu einem vereinigten, souveränen und neutralen Deutschland im Jahr 1952 abgelehnt hat. Diese Lektüre kann schon fassungslos machen, denn Haffner musste doch damals mindestens so wie unsereiner wissen, wie die angeblich freien Wahlen im östlichen Mitteleuropa und in Südosteuropa aus Moskau gesteuert wurden, um sogenannte ‚Volksrepubliken‘ zu errichten. Verblüfft lese ich, dass er Stalins Angebot für „vollkommen ehrlich“ hielt. Überhaupt schreibt er über Stalin mit befremdlichem Wohlwollen. Wenn er von Stalins erfolgreicher Aufrüstung spricht, fällt bei ihm kein Wort zum Lend Lease Act der USA von 1941, aus dem die UdSSR Rüstungsgüter im heutigen Wert von 150 Milliarden US-Dollar erhalten hat. Wer Dokumentarfilme vom Kampf der Roten Armee gegen Hitler-Deutschland sah, konnte doch die US-amerikanischen Fahrzeuge nicht übersehen haben.

Da verwundert es auch nicht mehr, wenn Haffner schreibt, dass die DDR ihre volle Souveränität von Seiten der UdSSR erhalten habe. Man mag zwar darüber diskutieren, ob die BRD jener Jahre ein tatsächlich souveräner Staat war, aber die DDR war es trotz mehrfacher Erklärung aus Moskau gewiss nicht.

Deutsch-russischer Bruderkuss: Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, und der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew während der Feierlichkeiten zum 30. Jahrestag der DDR 1979. Das Pressefoto des französischen Fotografen Régis Bossu wurde unter dem Titel The Kiss weltweit bekannt. 1990, kurz nach dem Fall der Mauer, übertrug der russische Künstler Dmitri Wrubel das Fotomotiv als Kunstwerk auf einen Abschnitt der Berliner Mauer – mit dem ironischen Titel: „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“.

Auch Haffner hatte doch mitbekommen, was 1953 in Ost-Berlin und 1956 in Ungarn vor sich ging. Seine gelegentlich fragwürdigen Einschätzungen von historischen Vorgängen mögen Positionen jener Jahre dokumentieren. Der Neuauflage dieses Buchs hätte es aber gutgetan, wenn der Verlag solche Einschätzungen, wo es Sinn macht, in Fußnoten verifiziert und auch korrigiert hätte.

Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski (1893 – 1937)

Das gilt etwa für den Fall des sowjetischen Marschalls Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski. Mit seiner Verhaftung, dem Schauprozess gegen ihn wegen verschwörerischer Beziehungen zu den Deutschen und seiner Hinrichtung begann Stalins blutige Säuberung in den Führungsrängen der Roten Armee. Haffner berichtet, dass der deutsche Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) gefälschtes Beweismaterial gegen Tuchatschewski geliefert habe. Das war der Stand der historischen Forschung, als Haffner dieses Buch schrieb. Doch inzwischen wurde durch Akten aus sowjetischen Archiven offenkundig, dass Tuchatschewski, der aus einer adligen Familie stammte und „roter Napoleon“ genannt wurde, Opfer einer Intrige des sowjetischen Geheimdiensts NKWD wurde – gewiss nicht ohne Stalins Mitwirkung.

Ein Zeitdokument, das Beachtung verdient, ist Haffners Buch bei allen kritischen Einschränkungen aber immer noch. Denn auch Haffners eigensinnige Positionierungen gehören zum politischen Stimmungsbild jener Jahre – das gilt auch für die deutsche Einigung und den Zerfall des Ostblocks, die ihn sehr überraschten und wozu er sich sehr skeptisch und warnend äußerte.

***

Zu empfehlen sind beide Bücher, das neue von Sloterdijk und das wieder aufgelegte von Haffner – vorausgesetzt, der Leser ist kritisch genug, mit ihnen zum eigenen Nutzen umzugehen. Bei Peter Sloterdijk sollte man sich in dessen Begriffs- und Assoziationsdickicht nicht verirren, sich von den schrägeren Thesen auch nicht bluffen lassen, sondern imstande sein, sie als Provokation zum eigenen Denken aufzunehmen – auch entgegen der Intentionen des Autors. Bei Sebastian Haffner sollte man in der Lage sein, bei der Lektüre die Entstehungszeit des Buchs auf der Basis eigener Kenntnisse stets im Blick zu haben und steile Thesen auch als solche zu erkennen.

Zum Einstieg in das Thema und als aktuellen Überblick zu den autoritären Herrschern, auf die Sloterdijk auf Umwegen schließlich auch zu sprechen kommt, empfehle ich hier gern ein Buch der US-amerikanischen Historikerin Anne Applebaum, die vor zwei Jahren mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde: Die Achse der Autokraten – Korruption, Kontrolle, Propaganda: Wie Diktatoren sich gegenseitig an der Macht halten.

Einen profunden Überblick über die deutsch-sowjetischen bzw. -russischen Beziehungen, der vor allem an Fakten orientiert ist und nicht mit obsoleten Meinungen verwirrt, bietet Der Russland-Komplex – Die Deutschen und der Osten von Gerd Koenen. Das Buch des einschlägig kompetenten Autors reicht in einer unlängst erschienenen Neuauflage sogar bis in die Gegenwart des russischen Kriegs in der Ukraine.

Koenens Buch setzt freilich erst mit dem Ersten Weltkrieg ein – so als seien die vorangegangenen 300 Jahre wechselvoller Beziehungen zwischen Preußen und Russland nicht auch hilfreich zum Verständnis der Gegenwart. Das Zusatzabkommen zum Hitler-Stalin-Pakt hatte vor allem für Polen und Litauen sein besonderes Gewicht durch die alptraumhafte Erinnerung an die preußisch-russischen Teilungen, an denen auch Österreich beteiligt war. Die dritte im Jahr 1795 führte zur vollständigen Auflösung des polnisch-litauischen Doppelstaats, der für 123 Jahre von der Landkarte Europas verschwand.

Die drei Teilungen Polens. Illustration aus H.G. Wells: The Outline of History, 1920-1937.

Dieses auch heute noch nachwirkende Trauma, das auch bei der polnischen Ablehnung von Nordstream, der deutsch-russischen Gasleitung durch die Ostsee, sichtlich eine Rolle spielte, kann bei einer ernsthaften Betrachtung der deutsch-russischen Beziehungen nicht außer Acht gelassen werden – selbst wenn man nicht noch weiter zurückgreifen will, etwa auf die in Russland einfallenden deutschen Ordensritter und ihre Niederlage gegen Alexander Newski auf dem zugefrorenen Peipussee im Jahr 1242.

Deutschland und Russland: eine ‚herzliche‘ Beziehung?

Einen aufschlussreichen Blick auf die deutsch-russischen Beziehungen vom 30jährigen Krieg über den Siebenjährigen Krieg bis zum Ersten Weltkrieg bietet das Buch Preußen und Reußen: Eine Beziehungsgeschichte von Lutz Unterseher, das 2024 erschien. Anschaulich, auch mit Sinn für aufschlussreiche Anekdoten und aktuelle Bezüge, schildert der Historiker und Soziologe die Zeiten, deren Lauf auch von Zar Peter I., dem Preußenkönig Friedrich II. und Katharina II., der Deutschen auf dem Zarenthron, geprägt wurden; die diesen Herrschern zugeschriebene ‚Größe‘ wird durchaus kritisch relativiert.

Welch vielfältiges Geflecht deutsch-russischer Begegnungen es im Zarenreich einst gab, bis in alle Winkel der Realität, wird dabei auch erinnert. Deutsche Gouvernanten, Lehrer und Doktoren gab es sogar auf den Bühnen, in den Stücken Anton Tschechows und Iwan Turgenjews. Auch Iwan Gontscharows berühmter Roman Oblomow ist dafür bezeichnend; dem Titelhelden, einem müßiggängerischen russischen Aristokraten, wird der energisch nach vorn strebende Deutschrusse Andrej Stolz gegenübergestellt. Der russische Philosoph, Schriftsteller und Revolutionär Alexander Herzen räsonierte 1859 aus dem Londoner Exil über seine Heimat: „Auf dem Thron waren Deutsche, um den Thron herum – Deutsche, die Truppenführer – Deutsche, die Minister für Auswärtige Angelegenheiten – Deutsche, die Bäcker – Deutsche, die Apotheker Deutsche, überall zum Trotze nichts als Deutsche!“ Es wimmelte von Deutschen, wobei noch gar nicht von den sogenannten Wolgadeutschen oder anderen Einwanderergruppen die Rede ist, die als fromme und tüchtige Bauern und Handwerker in den Weiten Russlands heimisch geworden waren. Zu ihrem bitteren Schicksal unter Stalin findet sich bei Haffner nichts.

Allerdings hatte Alexander Herzen (1812–1870) auch eine deutsche Mutter aus Stuttgart. Sie war einem russischen Adligen nach Moskau gefolgt und lebte mit ihm zusammen, ohne eine rechtsgültige Ehe geschlossen zu haben. Dem deswegen als unehelich geltenden Alexander soll sein Vater Iwan Alexejewitsch Jakowlew, dessen Name er nicht tragen durfte, den Nachnamen Herzen gegeben haben – weil er ein Kind des Herzens sei.

Ob man so auch einmal von einer erst noch neu zu schaffenden Beziehung zwischen Deutschland und Russland sprechen wird? Zumal von einer, die für die kleineren Länder dazwischen nicht wieder zum Alptraum wird? Heute scheinen wir von einer solchen ‚herzlichen‘ Beziehung weiter entfernt denn je. Sie zu erreichen bedarf es, neben diplomatischem Geschick, vor allem politischer Stärke und Ausdauer.

Wolfgang J. Ruf

(* 1943 in München) ist Autor, Publizist und Dozent. Sein Themenspektrum umfasst Kulturpolitik, Theater, Film, Medien, Literatur, Geschichte, Politik und Zeitgeschichte. Er war von 1985 bis 1995 Chefredakteur der Zeitschrift Die Deutsche Bühne und Pressereferent des Deutschen Bühnenvereins, danach u. a. Chefdramaturg am Badischen Staatstheater in Karlsruhe. Von 1975 bis 1985 leitete er die internationalen Westdeutschen Kurzfilmtage in Oberhausen.

Bildnachweise

Aufmacherbild, Karte von Europa und Russland circa 1911: William Robert Shepherd, Public domain, via Wikimedia Commons

Posthumes Portrait des Niccolò Machiavelli: Santi di Tito, Public domain, via Wikimedia Commons

Peter Sloterdijk: © Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Iwan Iljin: Gemälde von Mikhail Nesterov, Public domain via Wikimedia Commons

Das geheime Zusatzprotokoll vom 23. August 1939: © ThoralfSchade, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons

Sebastian Haffner: © OTFW, Berlin, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Deutsch-russischer Bruderkuss: ©Souligne, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons

Michail Nikolajewitsch Tuchatschewski: Autor/-in unbekannt, Public Domain via Wikimedia Commons

Die drei Teilungen Polens: J. F. Horrabin (Illustrator), Public domain, via Wikimedia Commons

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