
Ach, du wunderbares Weimar…
von Christhard Läpple
Das idyllische Weimar ist ein Kultur-Klassiker, ein Hotspot für Bildungstouristen in Deutschland. Eine Reise lohnt sich. Hier wirkte Goethe, der Weimar zu „Seele und Weltbedeutung“ verhalf. Natürlich auch Schiller, Friedrich Nietzsche und dessen Schwester Elisabeth. Oder der einflussreiche Verleger und Kunstsammler Harry Graf Kessler. Er war ab 1903 Direktor des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe in der Stadt an der Ilm. Der „rote Graf“ Kessler entwickelte sich zu einem europäischen Netzwerker der Moderne. Weimar steht für deutsche Klassik und Dichtkunst, für den Neuanfang der Weimarer Republik und die Moderne, hier in Thüringen etablierte sich das frühe Bauhaus.

Weimar hat ein zweites Gesicht. Das eines Gegenentwurfs voller völkisch-nationaler Agitation und Propaganda. Früh übernahmen die Nazis in Thüringen die Macht, bereits vor 1933. Aus Weimar kommen NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der Großvater von Bestsellerautor Ferdinand von Schirach, oder Martin Bormann, Hitlers persönlicher Sekretär und Trauzeuge. Adolf Hitler selbst besuchte mehr als vierzig Mal die Residenz- und Gelehrtenstadt. Er residierte im eigens für ihn umgebauten Hotel Elephant in einer achtzig Quadratmeter großen „Führer-Suite“. Hermann Göring lernte in Weimar die Schauspielerin Emmy Sonneman kennen. Sie heirateten 1932. Als Geschenk des „Führers“ erhielt Weimar ein völlig überdimensioniertes NS-„Gauforum“. Es steht noch heute mitten in der Stadt.
Weimar funkelt. Vielseitig, gedankenschwer und schillernd. Wie in einem Brennglas verkörpert die kleine Klassikerstadt deutsche Tugenden wie Untugenden: Geist, Glanz UND Grausamkeit, Kultur UND Konzentrationslager. Buchenwald liegt keine acht Kilometer entfernt hoch oben auf Goethes Sehnsuchtshügel, dem Ettersberg. Was hat es mit Weimar auf sich? Wie kommt es, dass selbst die Kultur-Hochburg vor hundert Jahren nicht gegen Gleichschaltung und Barbarei gefeit war? Eine Lektion, die zu denken geben sollte. Das ist die Kern-Botschaft der Historikerin Katja Hoyer in ihrem neuen Buch: Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.
Katja Hoyer
Weimar
Glanz und Grauen der deutschen
Geschichte
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2026
592 Seiten
Hardcover 28,00 € / E-Book 22,99 €
Heilung durch Schock?
Die deutsch-britische Wissenschaftlerin beginnt ihr großes Weimar-Epos mit dem Ende des NS-Regimes, der totalen Niederlage, die erst einen Neuanfang ermöglichte. Am 16. April 1945, einem sonnigen, fast sommerlichen Tag ziehen etwa tausend Weimarer Bürgerinnen und Bürger vom Bahnhof zu Fuß auf den Ettersberg zum KZ Buchenwald. Keineswegs freiwillig. Sie sollen auf Befehl der Amerikaner Augenzeugen des Schreckens werden. Sehen, was war. Begreifen, welche Verbrechen begangen wurden. Über dem Lager weht der furchtbare Gestank des Todes. Hungergestalten vegetieren in den Baracken. In den Verbrennungsöfen qualmen Reste weißer Asche aus Knochen und Schädeln. Einige Frauen werden ohnmächtig.
Tage später müssen Weimarer Bürger in Buchenwald „aufräumen“: verstopfte Latrinen reinigen und tote KZ-Insassen bergen. Diesen Gang nach Canossa hat auch der Schreibwarenhändler und Tagebuch-Chronist Carl Weirich zu gehen. Am 28. April 1945 beseitigt er auf Geheiß der US-Armee Reste der Todesfabrik und bestattet Leichen.
Der Zwangseinsatz kommt Weirich wie ein „Spießrutenlaufen“ vor. Über das Lager „oben auf dem Ettersberg“ kannte er bislang nur zahlreiche Gerüchte. An diesem Apriltag 1945 notiert er, sein Herz sei erfüllt „von Ekel und Scham über unseren deutschen Niedergang“. Weirich ist ein stadtbekannter Schreibwarenhändler, der 1914 nach Weimar kam und sorgfältig Tagebuch führte. Er verlor in beiden Weltkriegen jeweils einen Sohn. Angewidert, erschöpft und entsetzt kehrt der fast Sechzigjährige am Abend ins zerstörte Weimar zurück. Dort gibt es „kein Licht, kein Wasser, kein Gas“.


Weimarer Republik
Das weltberühmte Weimar der aufwühlenden Jahre von 1919 bis 1945 schält Katja Hoyer wie eine Zwiebel. Schicht für Schicht legt sie frei. Mit Tränen der Freude und Tränen der tiefen Traurigkeit. Deutsche Geschichte auf dem Hackbrett. Es mutet an, als hätte sich Weimar in dieser Zeit tatsächlich ein Doppelgesicht zugelegt: eine Stadt der „Dichter und Henker“. Die einstige Residenzstadt ist für Hoyer „Deutschlands Leuchtturm der Kultur“, Ort der ersten demokratischen Verfassung der Weimarer Republik, Geburtsstätte der Bauhauskultur. Aber auch frühe NS-Hochburg und ab 1933 zwölf Jahre lang das „Herz der Finsternis“.
Hoyers Gretchenfrage ist brandaktuell:
Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten? Ein wesentlicher Teil dieses Rätsels des 20. Jahrhunderts ist Weimar.
Die Stärke ihrer Buches liegt in der Vielfalt der Erzählung von Historischem im Privaten – von Nietzsches Schwester über Marlene Dietrich bis zum Schreibwarenhändler Carl Weirich oder der Hotelbesitzerin Rosa Schmidt. Die Chefin des Hohenzollern, die anfangs Hitler als Stammgast beherbergte, überlebt den NS-Führer nicht. Ihr einziges Vergehen: jüdische Wurzeln. Jahrelang kann sie ihre Familiengeschichte verheimlichen, bis sie schließlich doch noch Ende Dezember 1944 in Auschwitz ermordet wird, wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee.
Aus Goethes Olymp wird ein KZ
„Hier ist gut sein!“ sagt der alt gewordene Dichterfürst Goethe an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem treuen Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hat. „Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.“ Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, droben über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, oben auf dem Ettersberg, Goethes Olymp.
Genau an dieser Stelle errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 ein Konzentrationslager. Es soll „K.L. Ettersberg“ heißen. Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen das geplante Konzentrationslager, nein, jedoch dürfe der Name Ettersberg nicht besudelt werden, er solle Goethe vorbehalten bleiben. So bestimmt SS-Chef Heinrich Himmler am Ende den neutralen, verharmlosenden Begriff „Buchenwald“. Bald ein Ort des Grauens und der völligen Gesetzlosigkeit. Buchenwald wird das größte KZ auf deutschem Boden.
Am 15. Juli 1937 beginnen die Bauarbeiten. Der Hügel wird gerodet. Raum schaffen für Andersdenkende, Feinde und Gegner des neuen „Tausendjährigen Reiches“, für insgesamt 280.000 Gefangene. Jeder fünfte Insasse wird die sieben Höllenjahre auf dem Ettersberg nicht überleben. Ständig herrschen in Buchenwald Hunger, Wassermangel, Typhus-Epidemien, Gewalt und Tod. Die SS etabliert, so Hoyer, „ein bürokratisches System gesetzloser Barbarei“.
Opfer des eigenen Systems
Hoyers Weimar-Buch schildert weitere bizarre Details. So entwirft der Bauhaus-Architekt Franz Ehrlich den Schriftzug „Jedem das Seine“, der sichtbar und zynisch am Lagertor angebracht wird. Diese Arbeit rettet dem Martin Gropius-Schüler und KZ-Häftling vor dem sicheren Tod im Steinbruch. Der cholerische Lagerkommandant Karl Otto Koch wird am Ende der NS-Jahre Opfer seines eigenen Systems. Der für seine Perversität berüchtigte SS-Mann stirbt kurz vor der Befreiung Buchenwalds im Kugelhagel eines SS-Erschießungskommandos. Hingerichtet im April 1945 wegen „Korruption und Mord“. Er muss es selbst für fanatische Nazis zu toll getrieben haben. Genau wie seine Ehefrau Ilse, genannt die „Hexe von Buchenwald“. Sie ließ Häftlinge töten, um aus deren Haut Lampenschirme anfertigen zu lassen.
Einzig die dicke „Goethe-Eiche“ darf zwischen Lagerküche und Wäscherei stehen bleiben. Im August 1944 muss der einzige Baum auf dem Gelände gefällt werden. Eine alliierte Bombe hat die deutsche Eiche getroffen. Aus den Resten schnitzt der Leipziger Kommunist und Häftling Bruno Apitz heimlich Das letzte Gesicht, das Antlitz eines sterbenden Häftlings.

Ein geflügeltes Wort in Weimar heißt: „Was ist der höchste Berg Deutschlands? Der Ettersberg! Hoch kommst du schnell, aber runter nicht mehr.“
Was die Weimarer wussten
Am 5. November 1938 besucht Hitler einmal mehr sein geliebtes Weimar. Er steigt im umgebauten Hotel Elephant ab. Auf dem Marktplatz schreit eine hunderttausendköpfige Menge verzückt: „Lieber Führer, bitte, bitte – lenk auf den Balkon die Schritte.“ Keine vier Tage später brennen in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 deutschlandweit Synagogen. Jüdische Geschäfte werden geplündert und zerstört. Am 14. November werden zehntausend verhaftete Juden mitten durch Weimar zum KZ auf den Ettersberg getrieben. Ein junger Augenzeuge berichtet einem befreundeten Pärchen: „Auf dem Bahnhof kommt um elf Uhr ein Judentransport an, kommt mit, wenn ihr etwas sehen wollt.“ Die Deportationen dauern bis in die Nacht, die Neuankömmlinge werden geschlagen, angeschrien und wie Vieh auf Lastwagen geprügelt. „Wir konnten es nicht verstehen, wir hatte Angst. Wie konnte man Menschen so behandeln?“, sagt ein anderer Augenzeuge. Für Hoyer steht fest: Die Weimarer wussten sehr genau, was auf dem Ettersberg geschah.
Krieg kehrt nach Weimar zurück
1945 erreicht Hitlers Krieg Weimar. Das Pendel schlägt zurück. Von Februar bis April 1945 erleidet die Stadt mehrere schwere Luftangriffe. 1.254 Einwohner sterben in den Bombennächten. Insgesamt werden 325 Gebäude komplett zerstört oder beschädigt. Unter ihnen kulturelle Schätze wie die Herderkirche oder die Goethe- und Schiller-Museen. Das Deutsche Nationaltheater brennt ebenfalls nieder. Der Ort der ersten demokratischen Verfassung der Weimarer Republik, umgewandelt von den Nazis in eine Waffenfabrik. Das berühmte Goethe- und Schiller-Denkmal davor ragt unzerstört aus einem Trümmerfeld hervor, wie Phoenix aus der Asche. Die berühmten Dichter waren zum Schutz eingemauert, ihre Gräber nach Jena ausgelagert worden.
Bei den alliierten Luftangriffen kommen über sechshundert Buchenwald-Häftlinge ums Leben, weil sie in Fritz Sauckels Gustloff-Werken ungeschützt Zwangsarbeit leisten müssen. Auch im KZ Buchenwald selbst gibt es Hunderte Tote und Verwundete. Das NS-Regime schlägt in seinem Todeskampf brutal und erbarmungslos um sich. Die Gestapo Weimar ermordet alle ihre überlebenden Gefangenen. SS-Wachen versuchen in den letzten Tagen, Buchenwald zu evakuieren. Sie töten viele Häftlinge, ehe sie das Lager am 11. April aufgeben, kurz vor Eintreffen amerikanischer Soldaten und nach einem Aufstand der KZ-Insassen. Zwölf Jahre Nazi-Herrschaft sind endgültig Geschichte, der Alptraum im KZ Buchenwald nach sieben Jahren endlich beendet. Von den 280.000 Gefangenen überlebten 56.000 nicht. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Weimar Anfang des Jahres 1945.
Was lehrt Weimar?
Für Katja Hoyer gleicht das Städtchen der „Dichter und Denker“ einer Nussschale der deutschen Geschichte. Alles findet sich wieder: Chancen und Schrecken des 20. Jahrhunderts. Ruhm und Ruin einer Kulturnation. Aufbau und Scheitern der ersten demokratischen Republik. Die Barbarei der zwölf Jahre NS-Herrschaft. Zerstörung und Neuanfang.
Wir leben in unruhigen Zeiten. Und in solchen Zeiten wird die Vergangenheit zu einem Wegweiser für die Gegenwart. Der katastrophale Untergang der Weimarer Republik, der vielversprechenden Demokratie, die Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg aufgebaut hatte, verfolgt uns weiterhin. Die Kosten ihres Scheiterns – Diktatur, Krieg und Völkermord – sind die ultimative Warnung der Geschichte.
Katja Hoyer erzählt eindrucksvoll auf sechshundert Seiten von Bürgern Weimars, von bekannten wie unbekannten. Sie zeigt auf, wie viele kleine Rädchen allmählich ein großes Rad bilden, das nicht mehr zu stoppen ist. Sie beschreibt, wie sich Diktatur in einer Kulturstadt erfolgreich etablieren kann. Mit Zuckerbrot und Peitsche. Mit Goethe und Schiller, aber auch mit brutalster Verfolgung, Folter und Massenmord. Wenn wir das Verhalten der Menschen von Weimar besser verstehen, so hofft Hoyer, könne das der Schlüssel sein zu wichtigen Erkenntnissen, „wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können“.


Willkommen in Weimar, wo man sich wie Goethe „groß und frei“ fühlen kann. Fahren Sie hin! Besuchen Sie diesen wunderbaren Ort, an dem unsere Geschichte jederzeit gegenwärtig ist. An jeder Ecke und oben auf dem Ettersberg.

Dieser Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Blogs, den unser Autor am 17. Mai 2026 auf seiner Webseite veröffentlicht hat.
Bildnachweise
Plakat zur Bauhaus-Ausstellung 1923: Joost Schmidt, Public domain, via Wikimedia Commons
Goethe- und Schiller-Denkmal vor dem Nationaltheater in Weimar: © DWRZ David Wen Riccardi-Zhu, CC BY-SA 3.0<http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/>, via Wikimedia Commons
Denkmal auf dem Etterberg zur Erinnerung an die Selbstbefreiung der Häftlinge des KZ Buchenwald: me, Public domain, via Wikimedia Commons
Was von der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg übriggeblieben ist: © Martin Kraft, CC BY-SA 3.0<https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
Weimar mit dem Glockenturm der Gedenkstätte Buchenwald auf dem Ettersberg:
© R.Möhler, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons
Weimar, Goethes Gartenhaus: © Hermann Junghans, CC BY-SA 3.0 DE<https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en>, via Wikimedia Commons






