
Zwischen Ikone und Eventmaschine: 150 Jahre Paula Modersohn-Becker
Die Jubiläums-Ausstellungen 2026
Eine Besichtigung von Werner Biedermann
2026 feiert man in Bremen, Worpswede und Fischerhude den 150. Geburtstag der Malerin Paula Modersohn-Becker (* 8. Februar 1876 in Dresden; † 20. November 1907 in Worpswede) mit einem umfangreichen Kulturprogramm. Doch angesichts der ambitionierten Jubiläumsveranstaltungen stellt sich eine unbequeme Frage: Wird hier tatsächlich die radikale Modernität Paula Modersohn-Beckers neu sichtbar – oder wird aus einer kompromisslosen Künstlerin zunehmend eine regional vermarktbare Kulturmarke?
„Paula“, flächendeckend
Unter dem Dachprojekt Paula150 entstanden gleich mehrere Ausstellungen, Führungen, Filme, Theaterstücke und touristische Angebote. Die beiden Hauptschauen heißen Becoming Paula in Bremen und Impuls Paula in Worpswede.
Die Bremer Ausstellung Becoming Paula (noch bis 13. September 2026) – die zuvor im Jahr 2024 schon in New York und Chicago zu sehen war – im Paula Modersohn-Becker Museum in der Böttcherstraße erzählt die bekannte Aufstiegsgeschichte: von der jungen Paula Becker zur international gefeierten Künstlerin.


Rund 70 Werke und zahlreiche Leihgaben sollen ihren Weg zwischen Bremen, Worpswede, Berlin und Paris nachzeichnen. Ergänzend zu den US-amerikanischen Ausstellungen werden in der Bremer Ausstellung Werke von zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen gezeigt, die sich von Paula Modersohn-Becker inspirieren ließen.
Die Worpsweder Gemeinschaftsausstellung Impuls Paula (bis 01. November 2026) verteilt sich auf vier Museen und untersucht den Einfluss Modersohn-Beckers auf Gegenwartskunst und gesellschaftliche Themen wie Rollenbilder, Körperlichkeit oder Landschaftswandel. Beteiligt sind die öffentlichen Museen: Heinrich Vogelers Barkenhoff, die Große Kunstschau, die Worpsweder Kunsthalle und Martha Vogelers Haus im Schluh.
Warum das privat geführte Museum am Modersohn-Haus in diesem zentral unter einem gemeinsamen Label beworbenen Museums-Reigen fehlt, bleibt ein Rätsel. 1897 kaufte Otto Modersohn das Worpsweder Einfamilienhaus und lebte dort mit seiner ersten Frau Helene, bis diese im Juni 1900 verstarb. Ein Jahr später zog Paula Becker dort ein.

Das Modersohn-Haus eröffnet einen Einblick in das Zusammenleben der Familie. Die Inneneinrichtung der Zimmer ist authentisch rekonstruiert. Hinter dem Haus schließt sich eine zweistöckige Ausstellungshalle an mit einer umfangreichen Gemäldesammlung sowie Fotos aus dem Zusammenleben des Künstlerehepaars und von Zusammenkünften mit befreundeten Künstlern. Nachdem Paula Modersohn-Becker 1907 verstorben war, zog Otto Modersohn 1908 um nach Fischerhude; so auch die Bildhauerin Clara Westhoff und der Dichter Rainer Maria Rilke. Bei der Auflösung des Wohnsitzes fanden Otto Modersohn und der befreundete Heinrich Vogeler rund 750 Gemälde, ungefähr 1.400 Zeichnungen sowie 13 Radierungen in Paulas Atelier.

Wahrscheinlich zogen die Künstler auch deshalb nach Fischerhude um, weil es ihnen damals schon in Worpswede zu turbulent geworden war. So ist denn auch die Ausstellung Paula Becker – Paula Modersohn-Becker – Die Landschaften im Otto Modersohn-Museum im beschaulichen Fischerhude viel unaufgeregter als das vierteilige Worpsweder Jubiläumsprojekt. Gezeigt werden 32 der frühen Landschaftsstudien von Paula Modersohn-Becker. Die teilweise schwermütigen Moorlandschaftsgemälde sind eher meditativ und nicht so zugänglich wie ihre Stillleben, Porträts, Kinderbilder und Akte, die in den anderen genannten Museen zu sehen sind. Sie sind hier genau am richtigen Ort, denn sie spiegeln die das Museum umgebende Geografie, Natur und Kultur. Man spürt, dass das Teufelsmoor für Paula Modersohn-Becker ein Stück Heimat geworden war. Aber sie sehnte sich nach künstlerischen Anregungen und nach Impulsen für ihre maltechnische Weiterentwicklung, die sie bei ihren Aufenthalten in Paris fand.
Die große Erzählung: „Paula“ als Mythos
Wer in Fischerhude war, sieht die Ausstellungen in Bremen und Worpswede mit einem geschärften kritischen Blick. Die Konzepte von Becoming Paula und Impuls Paula klingen zunächst durchaus überzeugend. Tatsächlich besitzt Modersohn-Beckers Biografie genug Stoff und Sprengkraft für eine moderne Neubewertung: frühe weibliche Selbstbehauptung, künstlerische Eigenständigkeit, Ablehnung gesellschaftlicher Rollenzwänge. Sie war mit ihrem selbstbewusst geführten Leben und in ihrem rigorosen malerischen Werk ihrer Zeit weit voraus.
Gerade deshalb irritiert die Inszenierung. Schon der Titel Becoming Paula wirkt wie eine Markenstrategie aus dem internationalen Museumsmarketing. Aus der historischen Person wird „Paula“ – eine emotional anschlussfähige Kunstfigur. Das Risiko dabei: Die eigentliche Radikalität ihres Werks verschwindet hinter einer weichgespülten Erzählung von Mut, feministischer Selbstfindung und weiblicher Inspiration.
Paula Modersohn-Becker war und ist jedoch keine Lifestyle-Ikone. Ihre Bilder sind sperrig, melancholisch, unvertraut, manchmal verstörend still. Viele ihrer Werke verweigern genau jene gefällige Emotionalität, die die heutige Ausstellungskommunikation so gerne produzieren möchte.
„Paula“, kuratorisch überstrapaziert
Auch der Ansatz von Impuls Paula ist interessant – aber auch symptomatisch für einen Trend im Kulturbetrieb: Historische Kunst muss heute offenbar zwanghaft gegenwartsrelevant gemacht werden. Genderfragen, Identitätspolitik, Klimadiskurse – alles wird mit allem verbunden.
Natürlich lassen sich bei Modersohn-Becker Linien zur Moderne und zur feministischen Kunst ziehen. Doch manchmal entsteht der Eindruck, die Künstlerin werde zum Projektionsschirm aktueller Diskurse umfunktioniert. Das Problem liegt nicht in den Themen selbst, sondern in ihrer kuratorischen Überstrapazierung. Wenn jede Ausstellung gleichzeitig Kunstgeschichte, Gesellschaftskritik, Aktivismus und Erlebnisraum sein will, verliert die Kunst tendenziell ihre Eigenständigkeit.
Die Gemeinde Worpswede lebt seit Jahrzehnten vom eigenen Mythos. Das Jubiläum verstärkt diese Selbsthistorisierung nochmals erheblich. Restaurants, Bars oder Boutiquen verwenden marktstrategisch den Vornamen von Paula Modersohn-Becker. Die traditionsreiche kulturelle Identität der über 100jährigen Künstlerkolonie hingegen verblasst. Zwischen Moorromantik, Kulturtourismus und Jubiläumsbranding bleibt offen, wie unbequem Paula Modersohn-Becker eigentlich noch sein darf.


„Paula”: unbeschränkt beitrittsfähig?
Vor „Paula“ gibt es kein Entkommen. Die Sonderausstellungen flankierend, arbeitet eine enorme Begleitmaschinerie: Reise- und Übernachtungs-Sonderangebote, Familienprogramme, Kreativ-Workshops, Atelierführungen und geführte Teufelsmoor-Ausflüge, die Paula-Radrunde – Mit dem Fahrrad auf Entdeckungstour und die Künstlerin als Protagonistin im Puppentheater Paula.Selbst. Es sind sogar eigens zwei neue Filme produziert worden, die ARTE-Dokumentation Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse und das Kino-Dokudrama Paula Modersohn-Becker – Wer weiß schon, was ein Leben ist?, beide von dem Regisseurinnen-Duo Annelie Boroș und Vera Brückner inszeniert und beide in enger Abstimmung mit den Veranstaltern von Paula150 entstanden.
Das ist kulturpolitisch und marktwirtschaftlich nachvollziehbar. Bremen und Worpswede profitieren touristisch erheblich von der weltweit bekannten Malerin. Doch die Grenze zwischen ernsthafter Würdigung und regionalem Kulturmarketing wird zunehmend unscharf. Besonders problematisch wird es dort, wo Vermittlung nur noch auf maximale Zugänglichkeit setzt. Modersohn-Becker war keine einfache Künstlerin. Ihre Werke leben von Alltäglichkeit, sozialem Blick, Reduktion, Stille und psychologischer Dichte. Diese Elemente lassen sich nicht ungebrochen in Eventformate übertragen.

Daher hat man in Worpswede für Werbeträger wie Plakate und Fahnen wohl auch kein Werk von Paula Modersohn-Becker, sondern das zugänglichere Bild einer ihrer Epigoninnen – Inés Longevial – aus dem Jahr 2024 ausgewählt.
Museen stehen heute unter Druck: hohe Besucherzahlen müssen generiert werden, eine Sichtbarkeit in der Presse und den sozialen Medien ist zwingend notwendig, internationale Aufmerksamkeit dringend wünschenswert. Das Paula-Jubiläum erfüllt all diese Kriterien perfekt. Gerade deshalb wäre etwas mehr Zurückhaltung vielleicht sogar mutiger gewesen.
„Paula“ in Serie oder: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Ein pragmatisch-abgeklärtes Verhältnis zu Paula Modersohn-Becker und den Worpsweder Malern hat der über 80jährige Bilderrahmer und Galerist Alfred Girschner, da er sich eher mit den handwerklichen Aspekten der Kunst beschäftigt. Seit 46 Jahren (!) rahmt er in seiner Kellerwerkstatt in der Ortsmitte von Worpswede für die Museumsshops fast aller umliegenden Museen Reproduktionen der regionalen Künstler. Zunächst werden die Gemälde professionell abfotografiert, anschließend die Fotos in verschiedenen Formaten ausgedruckt und auf Karton aufgezogen. Alfred Girschners ‚künstlerische Nachbearbeitung‘ der Fotos besteht darin, dass er sie mit einer transparenten Paste wie im Pinselstrich der Vorlage bestreicht. Das gibt den Fotos einen haptischen, gemalt anmutenden Ausdruck. Historisch aussehende Bilderrahmen machen die Illusion eines Original-Ölbildes perfekt.


Möchte man alle Worpsweder Maler auf einmal sehen, so geht man in die Galerie Girschner und muss noch nicht einmal Eintritt zahlen. Anekdoten des freundlichen Herrn Girschner bekommt man dazu. Es besteht lediglich die Gefahr, dass man mit einer perfekt gerahmten Reproduktion die Galerie verlässt. Was ein Original und was eine Kopie ist, wird nebensächlich. Bei einem Dialog im Museumsshop im Museum am Modersohn-Haus meinte eine Besucherin zu ihrer Begleiterin: „Das sieht ja aus wie das Original!“ „Nein,“ meinte die andere, „das sieht besser aus als das Original!“. Da kann man sich schon fragen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Nimmt man die Wirklichkeit genau unter die Lupe, ist diese manchmal ernüchternd. Wenn man den Weser Kurier vom 23. Mai 2026 liest, versteht man den Worpsweder Rummel besser. Worpswede hat, so erfährt man, soeben seine Bewerbung beim Wettbewerb der Welttourismusorganisation UN Tourism für den Titel "Best Tourism Village" eingereicht. Die Gemeinde möchte also zu den besten Tourismusdörfern der Welt zählen. UN Tourism zeichnet seit 2021 jährlich kleine Orte aus, die sich durch nachhaltigen Tourismus und durch eine besondere kulturelle Identität hervorheben. Bis einschließlich 2025 wurden weltweit 237 Orte prämiert.
Dennoch: Die Worpsweder Ausstellungen sowie die in Bremen und Fischerhude sind wichtig. Das Jubiläumsjahr ist und bleibt kulturhistorisch bedeutsam, wie auch immer Museen, Kuratorinnen und Kuratoren, Agenturen und Medien mit der Künstlerin umspringen mögen. Paula Modersohn-Becker gehört zu den wichtigsten Künstlerinnen der europäischen Moderne. Dass Bremen und Worpswede ihr endlich gemeinsam eine große Bühne geben, war überfällig.
Die eigentliche Herausforderung besteht nun darin, sie nicht nur zu feiern, sondern ernst zu nehmen. Ihre Bilder handeln von Einsamkeit, Körperlichkeit, Arbeit, Armut, Mutterschaft, Tod und Selbstsuche. Sie sind weder dekorativ noch bequem.
Wenn Paula150 mehr sein will als ein gut organisiertes Kulturereignis, dann müsste das Jubiläum genau diese Reibung aushalten – und nicht nur die leicht konsumierbare Legende einer „starken Frau der Moderne“ erzählen.
Denn Paula Modersohn-Becker war nie harmlos. Und genau das macht sie bis heute relevant.
Bildnachweise
Briefmarke der Deutschen Post AG aus dem Jahr 1996, Europamarke – Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker: Paula Modersohn-Becker, Public domain, via Wikimedia Commons
Hansestadt Bremen, Eingang Museum Böttcherstraße / Grab von Paula Modersohn-Becker / Paulas Bar, Paulines Boutique / Plakataufsteller Impuls Paula / Alfred Girschner und Fotografin Mariele Rupieper / im Paradies der perfekten Kopien: © Werner Biedermann
Museum am Modersohn-Haus, Worpswede / Alfred Girschner mit Autor Werner Biedermann: © Mariele Rupieper









