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Internationale Kurzfilmtage Oberhausen 2024

Tradition und
neue Besen

Der Wettbewerb und die Retro-Reihen des Jubiläumsfestivals

von Achim Forst

Wie es jahrzehntelang in Oberhausen war: So wild und schräg die Filme des Internationalen Wettbewerbs (IW) auch immer sein mochten, so formal oder ästhetisch ungewöhnlich, mutig und vielleicht noch nie dagewesen – das stilistische und formale Spektrum der Programme war doch klar abgesteckt. Und manche Filme passten so gut da rein, dass man meinen konnte, sie wären eigens für die Kurzfilmtage produziert worden. Nach manchen Vorführungen überlegten wir unter Kolleg(inn)en manchmal, wie wir einen Film mit hoher Wahrscheinlichkeit ins Oberhausen-Programm bringen würden: mit den ,richtigenʻ Themen (Kolonialismus, revolutionäre Umbrüche in fernen Ländern, Gender-Identität oder autobiografische Familienrecherchen) und den gewünschten Formen (experimentell, fragmentarisch, sprunghaft, möglichst ohne lineares Erzählen und auf keinen Fall mit einer konventionellen Dramaturgie). In – von vielen so gefühlt – jedem dritten Programm gab es einen der Oberhausen-typischen ,Flickerfilmeʻ – darauf war Verlass: klassisch auf Film gedreht oder wenigstens unter Verwendung von Super8- und 16mm-Material. Meist wurde wie im klassischen Experimentalfilm des 20. Jahrhunderts darin rabiat das Bildträgermaterial bearbeitet (zersetzt, aufgelöst, zerkratzt etc.).

Keine ,Flickerfilmeʻ mehr?

Die Jubiläumsausgabe der Kurzfilmtage war anders: Ich hatte den Eindruck, schon lange kein so gutes Wettbewerbsprogramm (IW) gesehen zu haben, vor allem mit so wenigen ,schwachenʻ Filmen: So brachte es auch Kollege Rüdiger Suchsland in seinem Festivalrückblick im Deutschlandradio auf den Punkt (Link unten: mehr zum Thema). Die üblichen ,Flickerfilmeʻ fehlten, so weit ich das beurteilen kann, fast ganz, und es gab einige Filme im Programm des IW, die man in früheren Jahren ganz sicher anderen Festivals überlassen hätte.

fishing und Boucan : ungewohnte Beiträge im Internationalen Wettbewerb.

Zwei Beispiele: Josie Charlesʻ fishing (Großbritannien 2023), das fiktive Video-Tagebuch einer 16-Jährigen, die sich einsperrt und dem Camcorder detailreich die Geschichte ihrer ersten Liebe, von Frust und Sex erzählt. Und der – mit Protagonisten derselben Generation – sensibel erzählte Kurzfilm Boucan (Frankreich 2023) von Salomé Da Souza, in dem sich eine Cousine und ein Cousin gegen den Willen ihrer Familien ineinander verlieben. Zwei Werke, die klar den bisherigen ungeschriebenen ,Narrationsleitlinienʻ des Festivals widersprechen – keine Meisterwerke, aber gut inszenierte Kurzspielfilme, die die formale und stilistische Bandbreite des IW positiv erweiterten. (Boucan wurde immerhin als „European Film Awards Short Film Candidate“ nominiert.)

Neue Kommission, neue Auswahl

Die Ursache dieser Kursänderung: Für das 70. Festival hatte der Festivalleiter eine neue Auswahlkommission des IW berufen, erweitert von sechs auf acht Mitglieder, diesmal unter der Leitung von Katharina Schröder, Co-Leiterin des Bochumer Ruhrgebietsfestivals blicke. Dass Lars Gass bei seinen Änderungen nicht die avantgardistische Ausrichtung der Kurzfilmtage aufgeben wollte, zeigt die Berufung der renommierten Filmemacherin Sylvia Schedelbauer, die schon früher (2013-2017) Mitglied der Auswahlkommission war.

Hitbasrut : Die Zeichen der Sprache schaffen Verbindungen zur verstorbenen Mutter.
Weiter Avantgarde

Mit ihren experimentellen Filmen ist Schedelbauer international erfolgreich, mehrere liefen in Oberhausen, und vor zwei Jahren wurde sie dort mit einem „Profil“-Programm gewürdigt. „Ihre Filme bewegen sich in einem Raum zwischen historischem Narrativ und dem Persönlichen und Psychologischen, den sie durch poetische Manipulationen von Found Footage und Archivmaterial durchmisst.“ So charakterisierten die Kurzfilmtage damals zusammengefasst Schedelbauers Werk. Eine Beschreibung, die – über die Jahre – auf viele Oberhausen-Kurzfilme zutraf, darunter auf viele herausragende. In diesem Jahr zum Beispiel auf Hitbasrut (Entschlüsselung, Israel 2023), der eine Lobende Erwähnung der Ökumenischen Jury bekam. Die Bildende Künstlerin und Filmemacherin Maya Zack versucht darin, mit ihren ästhetischen Mitteln das Bild und die Erinnerung an ihre verstorbene Mutter zu (re)konstruieren.

That’s All From Me : Freizeitaktivitäten mit dem Kind inspirieren die Filmautorin zum weiteren Nachdenken über ihre Kunst.

Konkreter und leichter fassbar verbinden sich Kunst und Leben in Eva Könnemanns That’s All From Me (Deutschland 2024, Förderpreis des Deutschen Wettbewerbs). In der Form einer halbautobiografischen mockumentary, im Dialog mit einer fern lebenden Schriftstellerin, reflektiert die Filmemacherin intelligent und milde selbstironisch ihre Arbeit im Spannungsfeld von Kunst, Kreativität und gelebter Mutterschaft.

Ein junger Mann zwischen zwei Lebensphasen in Wang Zhiyis Kurzspielfilm Chūn Èr shí sān.
Raketen in der Nacht

Wie vielschichtig und facettenreich berührend auch konventionelles filmisches Erzählen sein kann, zeigte der Gewinner-Kurzspielfilm aus China, Chūn Èr shí sān (Frühling 23; Großer Preis der Stadt Oberhausen, Preis der Internationalen Filmkritik/FIPRESCI). Der in London ausgebildete Regisseur und Kameramann Wang Zhiyi erzählt darin in farblich gedeckten Bildern eine einfache, kleine Geschichte: Nach dem Tod seiner Eltern fährt ein wortkarger junger Mann auf dem Motorrad durch die Gegend und versucht, für das bevorstehende Frühlingsfest Feuerwerkskörper zu kaufen, obwohl das verboten ist. Die poetisch-melancholische Schlussszene mit den einsam im Dunkel verzischenden Raketen und den zusammen mit dem Protagonisten staunenden beiden Polizisten wird wohl nicht nur mir noch lange in Erinnerung bleiben.

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Ausschnitte aus der Diskussion nach dem Boykott des Jubiläumsfestivals 2024
Rückblicke im 70. Jahr

Im 70. Jahr war einiges anders – vor allem die etwas angespannte Atmosphäre und die Themen der Podiumsdiskussionen nach dem Boykott gegen das Festival –, doch vieles war wie gewohnt. Zum Glück! Gewohnt souverän und genau gingen die Kurzfilmtage wieder mit ihrer Tradition um: bestens kuratiert in die Vergangenheit zu blicken – die des Festivals und die der Filmgeschichte – und dabei die Anbindung an die Gegenwart nicht zu vergessen.

Die Nähe von Sieg und Niederlage im lettischen Kurzfilm Izfilma par Dzivi (Short Film about Life)
von Laila Pakalnina (Lettland 2014).
Körper in Bewegung

Die wichtigsten Alternativen beim Jubiläumsfestival: „Sport im Film“ hieß das große historische Thema, ausgehend von den „Sportfilmtagen“, einem internationalen Film- und Fernsehfestival, das 1968 bis 1975 vier Mal die Kurzfilmtage begleitet hatte. Kenntnisreich und unterhaltsam präsentierte Dietrich Leder, Medienjournalist und bis 2021 Professor an der Kunsthochschule für Medien Köln, fünf Programme mit Filmen aus dem Fundus der beiden Festivals. Dabei ging es unter anderem um Präsenz und Bewegung der Sportler(innen)-Körper, die Etablierung von Stars, die lange diskriminierende Entwicklung des Frauensports und die Selbstreflexion des Zuschauens, wenn Menschen in Filmen Sport zusehen. (Dazu gab es noch drei von Paul Hofmann kuratierte Programme „Sport im Ruhrgebiet“.)

Wer sich in der Reihe „Profile“ dann auch noch mit den Werken des philippinischen Filmmachers, Autors und Musikers John Torres, der finnischen Konzeptkünstlerin Mox Mäkelä, des genialen jungen jugoslawischen Super8-Regisseurs Davorin Marc und des polnischen Dokumentaristen Abraham Ravett beschäftigen wollte, konnte höchstens noch in Ausschnitten die aktuellen Wettbewerbsprogramme wahrnehmen.

Systemische Überforderung

Noch weniger, wenn er/sie die beiden „re-selected“-Programme anschaute: die filmischen Aufbrüche in Ungarn Ende der 1960er und in der Sowjetunion Mitte der 1980er-Jahre, die in Oberhausen eine Plattform fanden, weil sich die Kurzfilmtage immer als ,Brücke zwischen Ost und Westʻ verstanden.

So empfand ich wie jedes Jahr die systemische Überforderung – nicht alles sehen zu können, was ich wollte -, der sich jede(r) ernsthaft an Filmgeschichte und -Gegenwart Interessierte stellen muss. Natürlich nicht nur in Oberhausen, sondern auf allen großen Festivals (wie der Berlinale und den Filmfestspielen in Venedig), die ihre traditionsreiche Geschichte kuratorisch pflegen und ausstellen.

mehr zum Thema: Festivalberichte über die Kurzfilmtage 2024

70. Kurzfilmtage Oberhausen – Politik und Kunst

Rudolf Worschech in epd Film

Menschen reden, Filme verstehen

„Ein Fazit der 70. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen“ von Lucas Barwenczik im filmdienst

Runder Geburtstag – Die Kurzfilmtage Oberhausen fanden zum 70. Mal statt

Rüdiger Suchsland im Deutschlandfunk (Audiobeitrag)

Reingehört in die Strukturen

Lukas Foerster und André Malberg über die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen 2024 bei perlentaucher

„Please Focus the Projector“: Kurzfilmtage Oberhausen

Jennifer Borrmann im östereichischen Magazin filmfilter

„Die Sichtung ist das Highlight!“

Katharina Schröder zum 30. Jubiläum des Filmfestivals blicke im trailer-ruhr-Magazin

Achim Forst
Liebt Filme-Editieren und Fahrradfahren, Podcasts- und Musik-Hören und -Spielen. War 30 Jahre Redakteur der Filmredaktion 3sat des ZDF, Autor von TV-Dokumentationen, vorher freier Film- und Musikjournalist, Hörfunkautor und Programm-Mitarbeiter von Filmfestivals.
Bildnachweise


fishing, Josie Charles, Großbritannien 2023: © Josie Charles
 
Boucan, Salomé Da Souza, Frankreich 2023: © Salomé Da Souza

Hitbasrut (Decription), Maya Zack, Israel 2023: © Maya Zack

That’s All From Me, Eva Könnemann, Deutschland 2024: © Eva Könnemann

Chūn Èr shí sān (Spring 23), Zhiyi Wang, China 2023: © Zhiyi Wang

Izfilma par Dzivi (Short Film about Life), Laila Pakalnina, Lettland 2014: © Laila Pakalnina

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