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Kurzfilmtage Oberhausen 2024: „Politisierung der Kultur“

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Von der Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit

Eine Podiumsdiskussion nach dem Festival-Boykott

von Achim Forst

Beim Jubiläumsfestival ging es in Oberhausen neben den Filmen um den kulturpolitischen Kampf für die Freiheit des Diskursraums Festival, der mit dem Boykottaufruf gegen die Kurzfilmtage in Frage gestellt wurde. Weil Festivalleiter Lars Henrik Gass nach dem Massenmord des 7. Oktober 2023 die Freudenfeiern der Hamas-Anhänger und den Antisemitismus in Deutschland kritisiert hatte.

Wie weit ist ein Diskurs über politische Konflikte auf Filmfestivals noch möglich und was darf ein Festivalleiter öffentlich sagen? – Fragen, mit denen sich die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen ausgerechnet bei ihrer Jubiläumsausgabe, dem 70. Festival, beschäftigen mussten. Im Oktober 2023, nach dem Massenmord-Anschlag der Hamas, hatte Kurzfilmtage-Leiter Lars Henrik Gass auf der Facebook-Seite des Festivals zur Teilnahme an einer Veranstaltung des Zentralrats der Juden aufgerufen und geschrieben: „Zeigt der Welt, dass die Neuköllner Hamas-Freunde und Judenhasser in der Minderheit sind. Kommt alle! Bitte!“

Palästinenser-Unterstützer dämonisiert und dehumanisiert?

Dieser Post führte zu einem Boykottaufruf gegen das Festival – anonym organisiert und englischsprachig, mit dem unscheinbaren Titel „Nachricht an die internationale Film Community zu einem kürzlichen Statements des Direktors der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen“. Darin wurde kaum verhüllt zur Absetzung von Lars Henrik Gass aufgerufen, außerdem dazu aufgefordert, bei den Kurzfilmtagen keine Filme mehr zu zeigen, weil der Direktor mit dem Festival als Plattform „auf gefährliche Weise alle Personen dämonisiert“ habe, „die sich mit der palästinensischen Befreiung solidarisieren“. Mit der Sprache seines Posts habe er die Palästinenser und alle ihre Unterstützer „dehumanisiert and stigmatisiert“. Außerdem gebe es eine Verbindung zwischen dem Post des Festivalleiters und der staatlichen Gewalt, die in Deutschland gegen Palästinenser und ihre Unterstützer ausgeübt würde.

Boykottaufruf erfolgreich

Der Boykottaufruf hatte Erfolg: Mehr als 1900 Kunst- und Kulturschaffende weltweit schlossen sich an, darunter auch Verantwortliche deutscher Filmfestivals. Eine Reihe von Filmemacherinnen und Filmemachern zogen ihre Beiträge aus dem Programm der Kurzfilmtage zurück, Oberhausen musste umplanen: Nachrücker für die begehrten Wettbewerbsplätze waren bald gefunden, aber einige Nebenreihen und Sonderprogramme mussten abgesagt werden. Unterstützung bekam Gass von den Sponsoren und Veranstaltern der Kurzfilmtage und durch einen Offenen Brief, in dem sich über 1100 deutsche Filmschaffende gegen Antisemitismus und Rassismus wandten.

Kommunikation fand doch statt

Noch im Vorjahr hatte das Festival Palästina-Programme gezeigt, diesmal aber sorgten die Unterstützer des Boykotts dafür, dass das Thema in Oberhausen nicht behandelt werden konnte. In Interviews und Artikeln hatte Gass darauf hingewiesen, dass die Boykott-Propagandisten an einer inhaltlichen Auseinandersetzung offensichtlich nicht interessiert seien, Kommunikation sollte nicht stattfinden. Doch dieses Ziel haben sie nicht erreicht: Noch vor Festivalbeginn luden die Kurzfilmtage zu einer Tagung „Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit. Kultur und Öffentlichkeit 1“ ein, auf der Kunsttheoretiker Bazon Brock als Teilnehmer eine Keynote beisteuerte. Während des Festivals ging es dann täglich weiter in Diskussionen über das große Thema Kultur und Öffentlichkeit, unter den Leitfragen „Sind Festivals noch ein universalistisches Projekt?“ (mit FAZ-Redakteur Andreas Kilb) und „Was legitimiert Festivals?“. Den Abschluss bildete das Podium „Politisierung der Kultur“, das wir hier mit Zitaten und einem zusammenfassenden Video dokumentieren.

Zitate aus der Podiumsdiskussion „Politisierung der Kultur“

Lars Henrik Gass:

Grundsätzlich, glaube ich, muss man ein Festival gar nicht politisieren, denn es ist ein politischer Raum, der im Prinzip eine bürgerliche Mündigkeit reklamiert. Und was wir gerade erleben, ist im Grunde so eine Art trotteliger, zivilgesellschaftlicher Unmündigkeit, die sich breit macht und dann in anonyme Aufrufe mündet, wo keiner mehr die Verantwortung übernimmt für das, was er sagt, und ein Konformitätsdruck erzeugt wird, der gewissermaßen den politischen Raum Festival unterbinden soll.

Shahrzad Eden Osterer:

Ich bin ja in einer Diktatur aufgewachsen, im Iran, bis ich 20 Jahre alt war. Für mich gibt es viele Ebenen: Wie sieht man das, was ist überhaupt politisch? – Im Iran war das meine alleinige Existenz: meine Existenz als Frau, als Jüdin, als jemand, der sich diesem System nicht unterwerfen wollte, politisch. Und deswegen habe ich vielleicht ein anderes Verständnis, oder ich bin mit einem anderen Verständnis von Politisierung hierhergekommen, um hier viele progressive Kreise vorzufinden, in denen genau das Gegenteil stattfindet: Sehr viele Menschen vertreten Positionen, die Freiheit eigentlich unterdrücken. Das ist aber ,geframedʻ als progressiv. – Also man sehnt sich in diesen progressiven Kreisen sehr oft eigentlich nach einem totalitären System, sag ich mal.

Matthias Naumann:

Bei Brecht geht es der politisierenden Kunst um das ,eingreifende Denkenʻ, indem sozusagen Kunst erst mal einen Wahrnehmungsraum eröffnet, der auch Wahrnehmung verändern soll, nämlich anders auf die gesellschaftlichen Verhältnisse als historische, also als gewordene, gemachte, veränderbare blicken lassen soll. Das bezeichnet – recht stark verkürzt natürlich – als eingreifendes Denken, was aus Kunst entstehen könnte. Und das ist ganz klar zu unterscheiden von einem Aufruf zum direkten politischen Eingreifen.

Benjamin Moldenhauer:

Um den für mich tristesten Aspekt zu nennen, der nicht aus dem Film kommt, sondern aus der Popkultur im engeren Sinne: Was wir zum Beispiel in Großbritannien sehen, dass eigentlich durch die Bank jeder Act sich offen auf simple Weise positioniert. Das kann ja jeder machen wie er will, aber parallel entwickelt sich ein Konformitätsdruck, der verbunden ist – wenn ich das auf der Bühne dann sehe –, was mich an eine ,Mob-Dynamikʻ erinnert.

Shahrzad Eden Osterer:

Antisemitismus liefert sehr einfache und simple Antworten für unheimlich komplexe Sachverhalte und kann darüber hinaus auch als sehr widerständig auftreten. Deshalb sind viele Menschen, die sich als progressiv verstehen, viele Künstler und Menschen in diesem Bereich, so empfänglich für diese sehr simple Erklärung: Die Israelis sind per se weiße Unterdrücker, die Palestinenser sind per se PoCs (people of color), die von Israel unterdrückt werden.

Da blendet man vollkommen aus, dass die Hälfte der Israelis aus arabischen Ländern, auch aus afrikanischen Ländern kommen, Schwarze, die teilweise selbst people of color sind. (…) Es gibt eine vollkomme Blindheit gegenüber diesen ganzen Fakten. Aber das haben wir leider, wenn es zu Antisemitismus und zum Staat Israel kommt. Ich sehe sehr oft, dass Menschen, die sonst total auf Fakten, Quellen und Beweisen bestehen, in diesem Fall vollkommen verblendet sind und Fakten überhaupt gar keine Rolle mehr spielen.

Rüdiger Suchsland (aus dem Publikum):

Ich glaube, dass die linke Identitätspolitik und alles, was mit dem ,Globalen Südenʻ (zusammenhängt) – dass das der große Elefant im Raum ist, der nicht thematisiert wird, weil, wenn man das tut, gilt man in der einen oder anderen Weise sofort als Rassist.

Benjamin Moldenhauer:

Ich nehme diese „Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit“ auf beiden Seiten wahr. Auch auf der deutschen israelisch-solidarischen Seite, wenn auch in wesentlich harmloserer Form, gibt es so ein Bullshit-Bingo oder bestimmte Signalworte, und dann bist du raus.

Lars Henrik Gass:

Die Frage ist: Wie kommen wir weiter? Vielleicht wäre es ja mal eine erste Maßnahme, nicht in jedes Gremium, nicht in jede Jury, nicht in jede Intendanz einen halben Antisemiten zu berufen. (…) Und dann merke ich einfach einen Mangel an politischer Gestaltung. Es gibt eine unfassbare Kenntnislosigkeit über diese Prozesse, auch in Ministerialverwaltungen. (…) Man überlässt im Prinzip diesen Gesamtprozess der Selbstregulierung des Kulturbereichs, der sozusagen Schutzrechte unter dem Titel der Kunstfreiheit reklamiert. Das ist doch ein echtes Problem! Da muss man doch eingreifen! Wenn es nicht der Code of Conduct ist, dann muss es eine andere Art von Eingriff geben.

Oberhausen wird angegriffen, weil hier im Prinzip ein Regelwerk errichtet wurde, dass wir überhaupt hier frei sprechen können. Das ist noch nicht der Polizeistaat! Also jede Synagoge in Deutschland muss geschützt werden, damit Leute nicht zu Schaden kommen. Ein Festival muss geschützt werden, damit Leute hier nicht angegriffen werden und frei sprechen können.

Wo sind die „Spaltungsprozesse“? Die werden uns doch aufgezwungen! Also dieser ganzen zivilgesellschaftlichen Reden bin ich ein bisschen überdrüssig, wenn Leute nicht mal in der Lage sind, das Minimum an bürgerlichen Umgangsformen zu kennen, also einzustehen für das, was sie sagen, und sich verschanzen hinter anonymen Boykottaufrufen und Ressentiments in Umlauf bringen.

mehr zum Thema:
Der Boykott der Kurzfilmtage Oberhausen – Geschichte und Hintergründe

„Message to the international film community …“

Der englischsprachige Boykottaufruf im Netz

Offener Brief von über 1100 deutschen Filmschaffenden

Der Aufruf gegen Antisemitismus und Rassismus, der die Kurzfilmtage unterstützte, veröffentlicht von artechock

Die Kurzfilmtage und Israel: Hysterie und Solidarität

taz-Bericht mit Links

Wie kommen wir da nur wieder raus?

Bericht und Kommentar von Dunja Bialas auf artechock

Filmfestivals unter Konformitätsdruck

Gastbeitrag von Lars Henrik Gass bei Blickpunkt:Film

Das Schweigen der Kulturszene: Keine Lösung ist auch keine Lösung

Kommentar der Heinrich Böll Stiftung von Lisa Berins

Tagung „Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit”

Audios der Veranstaltungen und zwei Videos-Interviews im Channel der Kurzfilmtage

Programm der Tagung „Sehnsucht nach Widerspruchsfreiheit. Kultur und Öffentlichkeit 1“

Auszeichnung für Kurzfilmtage-Leiter Lars Henrik Gass

Über die Verleihung der Ernst-Cramer-Medaille für besondere Verdienste um die deutsch-israelischen Beziehungen bei nachtkritik.de

Der Text im Musikexpress, auf den Benjamin Moldenhauer in der Diskussion (im Video) hinwies.
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