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Web-Porträt

Archiv der flüchtigen Gebilde

Seit 20 Jahren produziert die Literatur-Webseite Glanz & Elend unverdrossen Qualität: unabhängig, stilvoll und herrlich unzeitgemäß

von Manfred Etten

Wie und wann erkennen wir Qualität? Manchmal müssen wir länger hinschauen, genauer prüfen, alles unter die Lupe nehmen, um herauszufinden, ob eine Sache gut gemacht ist, ob sie Hand und Fuß hat, ob echte Substanz dahinter steckt – ob ein Text, ein Buch oder auch eine Webseite uns ein seriöses Angebot macht, das etwas taugt, oder ob hier jemand nur heiße Luft verbreiten will. Manchmal geht es aber auch ganz schnell. Dann erkennen wir die Qualität sofort und können spontan sagen: Hier sind wir an der richtigen Adresse, hier lohnt sich die Lektüre. Glanz & Elend ist so ein Fall. Wer auch nur einen flüchtigen Blick in das umfangreiche Portfolio der Webseite wirft, wird merken: Das Online-Magazin für Literatur und Zeitkritik, seit 2003 im Netz, bietet mit seinen Belletristik- und Sachbuchrezensionen, seinen Essays und Autorenporträts hochklassige Wertarbeit.

Fachlich fundiert und souverän – und mit einem guten Gedächtnis

Die Beiträge sind fachlich fundiert, souverän im Urteil, sprachlich und gedanklich auf Augenhöhe mit ihren Gegenständen, können wissenschaftlichen Standards standhalten, argumentieren ausführlich und genau, können Wichtiges von Überflüssigem unterscheiden, haben ein Feeling für aktuelle Trends und gleichzeitig ein gutes Gedächtnis. Denn auch früher schon wurde von mittlerweile verstorbenen Frauen und Männern Lesenswertes hervorgebracht – eine bekannte Tatsache, sollte man meinen, die aber heutzutage anscheinend immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss. Zumal so manches neue Buch, das mit großer Geste auftritt, als hätte es das Rad neu erfunden, sich vor historischem Horizont als Scheinriese entpuppt. G&E verwendet viel Energie und Ausdauer darauf, der grassierenden Amnesie eine literaturkritische Gedächtniskultur entgegenzusetzen.

Gern geklaut, oft zitiert

Dass man auf G&E Premium-Produkte findet, auf deren handwerkliche Güte und inhaltliche Relevanz man sich verlassen kann, ist dem Publikum nicht entgangen. Dafür spricht, dass von der Webseite offenbar gern Content geklaut wird. Und dass Zitate aus oder Verweise auf G&E-Beiträge es auf Wikipedia und sogar in die Werbeprospekte von Großverlagen geschafft haben (Beispiel: Zitat aus einer G&E-Handke-Rezension bei Suhrkamp) zeugt davon, dass man G&E als eine seriöse Quelle schätzten gelernt hat – obwohl dem, was ‚nur‘ im Netz steht, ansonsten immer noch gern jene Dignität abgesprochen wird, die man bedrucktem Papier umstandslos zugesteht, selbst wenn darauf nur Quatsch zu lesen ist.

hidden champion

Das ist die eine Seite des Phänomens. Die andere: Keiner spricht von G&E. Als seien die Webseite und die, welche dahinter stecken, selber keiner Erwähnung wert. Im Netz findet man beim Einsatz einschlägiger Suchmaschinen so gut wie nichts. Der Branchendienst BücherWelt hat G&E zum fünfjährigen Bestehen mit einem kurzen Artikel gewürdigt, aber das ist auch schon über 15 Jahre her und nur dem Umstand zu verdanken, dass G&E-Gründer Herbert Debes anlässlich des Jubiläums eine Printausgabe herausgebracht, also noch einmal einen kurzen Abstecher auf den analogen Buchmarkt gewagt hat. Ansonsten wird G&E in den Zentralorganen der deutschen Kulturverwaltung totgeschwiegen. Kein Online-Award ist jemals an G&E verliehen worden, kein Geburtstagsgruß in den sonst so achtsamen Edel-Feuilletons erschienen. Dabei ist die Webseite doch zumindest in der Nische, in der sie tätig ist, so etwas wie ein hidden champion.

Warum diese Nichtbeachtung? Fühlen sich die Meinungsführer zum Fremdschämen veranlasst, weil die G&E-Webseite im Design des vorigen Jahrhunderts daherkommt? Oder sind sie unangenehm berührt, weil G&E in Hand- und Heimarbeit einen Output leistet (mittlerweile birgt das G&E-Archiv mehr als 4.000 Einzelstücke!), für den andere eine kleine Armee aus Webmastern und Schreib-Profis mobilisieren müssten? Oder weil G&E mit einem Fast-Nichts an Mitteln dieselbe, wenn nicht gar höhere Qualität produziert als andere, denen von finanzkräftigen Sponsoren oder Stiftungen der Rücken freigehalten wird? Oder ist es der sture Gleichmut, mit dem die G&E-Leute ihr Ding machen – eine Contenance, die demonstrativ und beinahe provokativ auf Distanz geht zur ängstlichen Beflissenheit, zur nervösen Flexibilität, zum Alarmismus so vieler Feuilleton-Kolleginnen und -Kollegen, die dauernd fürchten, den hottest shit verpasst oder ihn nicht rechtzeitig als solchen erkannt zu haben? Möge die Nachwelt diese Fragen beantworten und den Betroffenen gnädig sein.

Selbstgemachter Eintopf statt Dosensuppe

Wie sehen sich die G&E-Macher selbst, wie würden sie ihre Leitideen umschreiben? Ein offizielles Editorial gibt es nicht, dafür aber den Artikel Über Glanz und Elend der schreibenden Kurtisanen des Literaturbetriebs, in dem Lothar Struck, einer der produktivsten Autoren von G&E, vor einigen Jahren etwas vorgelegt hat, das man als programmatische Aussage verstehen kann. Struck beschreibt treffend die „atemlose(…)  und stümperhafte(…) Rezensionsrallye der Feuilletons“ und plädiert für eine klare Unterscheidung zwischen Literaturkritik und Literaturjournalismus. Literaturkritik sei das „meist etwas umfangreiche“ Unterfangen, „formale und ästhetische Komponenten zu einer literarischen Bewertung heranzuziehen. (…) Sie situiert das jeweilige Buch im Kontext literarischer Genres und vermeidet falsche weil voreilige Superlative. Gleichzeitig vergleicht sie nicht Äpfel mit Birnen, nur weil beides Obst ist. Literaturjournalismus hingegen reduziert die Komplexität, bilanziert voreilig in Schubladen, druckt leicht zitierbare Etiketten. Literaturkritik ihrerseits öffnet den Text, findet Allegorien, engt jedoch den potentiellen Leser nicht ein, sondern erzeugt Neugier. Literaturjournalismus ist paternalistisch und postuliert Urteile, Literaturkritik begründet sie. Literaturjournalismus ist getrieben und unterliegt den kommerziellen Gesetzen von Verlagsprogrammen und deren Zyklen. Literaturkritik hat Zeit und verlangt Zeit. Literaturjournalisten haben Freunde, Literaturkritiker Kollegen. Der Unterschied zwischen Literaturkritik und Literaturjournalismus ist vergleichbar mit der Differenz zwischen Kabarett und Comedy, selbstgemachtem Eintopf und Dosensuppe. Literaturjournalismus ist nicht per se schlecht, aber wenn er sich als Literaturkritik ausgibt, macht er sich der Hochstapelei schuldig. Die vorauseilende Unterforderung des Publikums durch den Literaturjournalismus ist eine veritable Beleidigung durch diejenigen, die sich als Türhüter des Literaturbetriebs sehen, sich aber allzu oft als Steigbügelhalter für Marketingkampagnen hergeben.“

Das längere Zitat ist lohnend, weil in diesem kleinen Manifest das professionelle Ethos und die unerschrockene Schreibe des G&E-Teams beispielhaft zum Ausdruck kommen, auch wenn der Autor hier in erster Linie für sich selbst spricht. Und gegen Ende seiner Polemik vermerkt Struck noch einen wichtigen Punkt: „Eine mögliche Chance für die seriöse Literaturkritik kann im Internet liegen. Hier gibt es Platz und auch die Möglichkeit, in Muße Texte zu verfassen.“ Glanz & Elend nutzt diese Chance seit nunmehr 20 Jahren.

Herbert Debes, Begründer und Mitherausgeber von Glanz & Elend
© Herbert Debes

(Fast) alles über Glanz & Elend: ein Gespräch mit Herbert Debes

Herr Debes, was war die Vor- und Gründungs-Geschichte von Glanz & Elend? Welcher innere oder äußere Impuls hat Sie vor 20 Jahren dazu getrieben, mit einer Literaturzeitschrift ins Netz zu gehen?

Herbert Debes: Anfang der 80er Jahre gründete ich zusammen mit Kollegen einer Frankfurter Stadtzeitung einen Medien-Informationsdienst (MID-Nachrichten), der Zeitungen und Zeitschriften bundesweit mit Beiträgen zu Literatur, Film & Musik versorgte. Nachdem meine Kollegen sich 10 Jahre später ‚verabschiedet‘ hatten, habe ich Glanz & Elend als monatliche Zeitschrift für den Buchhandel gegründet. Die letzte Ausgabe erschien im Herbst 1993. Bedingt durch die Wiedervereinigung hatten viele Verlage ihre Werbebudgets gekürzt, um in den Buchhandel im Osten Deutschlands zu investieren.

Welches Programm steckt hinter dem Namen Glanz und Elend – außer dass er die Zuneigung zum Werk von Honoré de Balzac zum Ausdruck bringt, der auch Ihr Logo ziert?

Herbert Debes: Zwischen den beiden Polen Glanz und Elend bewegen sich der Literaturbetrieb und seine Betriebsfiguren. Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass sich, seit Balzac seine Romane Verlorene Illusionen und Glanz und Elend der Kurtisanen geschrieben hat, die Wirkungsmechanismen und Eitelkeiten des Geschäfts mit Literatur und Nachrichten nicht geändert haben. C’est la même chose, nur mit weniger Stil.

Was wird es in Glanz & Elend auf gar keinen Fall jemals geben, auch wenn irgendjemand Ihnen eine Million Euro dafür bieten würde?

Herbert Debes: Ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen, ich bin jetzt 67, da nehme ich das Geld!

Das Gebilde ist flüchtig und jedweder Deutung ausgesetzt.


Gert Neumann, Übungen jenseits der Möglichkeit

Motto von Herbert Debes

2008 haben Sie zum fünfjährigen Bestehen eine Printausgabe herausgebracht. Ein Ausflug in die gute alte Gutenberg-Galaxis. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht? Würden Sie heute so etwas noch einmal tun?

Herbert Debes: Die Idee war, die ‚besten‘ Texte aus der Flüchtigkeit des WWW in Papierform zu ‚retten‘. Da ich die Herstellung selbst machen konnte, war eine Auflage von 1.000 Exemplaren über Verlagsanzeigen zu finanzieren. Heute würde das wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Zuletzt scheiterte Frau Löffler ja grandios mit dem Versuch, der Zeitschrift Literaturen hohepriesterliche Bedeutung einzuhauchen.

zum Streit um den Relaunch der Zeitschrift Literaturen (taz, 09.10.2008)

Wie ist derzeit die Akzeptanz Ihrer Webseite? Kann man sie in Zahlen ausdrücken? Haben Sie ‚Erfolg‘? Wenn ja, mit welchen Kriterien messen sie ihn – sofern er denn messbar ist?

Herbert Debes: Die Zahlen beziehe ich von meinem Server Ionos und von Google. Wir haben zurzeit ca. 30.000 Besucher pro Monat, davon gehen allein ca. 15.000 auf die Startseite, auf der wir die Beiträge anbieten. Die Rubrik Philosophie ist sehr beliebt, wahrscheinlich, weil es im Netz nichts dergleichen gibt. In Anbetracht dessen, dass wir keinerlei Werbung für uns machen können und die meinungsführenden Printmedien uns zeitlebens geflissentlich verschweigen, bin ich damit ganz zufrieden. Im Gegensatz zu manchen Kollegen beschwere ich mich nicht.

Wie viele MitarbeiterInnen schreiben derzeit für Glanz & Elend?

Herbert Debes: Das schwankt geringfügig. Zurzeit sind es 10 KollegInnen. Wir freuen uns über neue AutorInnen. Zu verdienen gibt es allerdings nur Ruhm & Ehre.

G&E arbeitet barfuß, mit veralteter Technik (Frontpage), kennt keine Investoren, erhält keine Förderungen, hat keine Mäzene, ist ein non-profit-project, das von der trotzigen Beharrlichkeit seiner Autoren und der über die Jahre organisch gewachsene Anerkennung seiner Leserinnen & Lesern getragen wird. Wir werden das auch weiter so machen, denn nie war das Gebilde flüchtiger als heute…

Herbert Debes

Begründer und Mitherausgeber von Glanz & Elend


Manfred Etten

Autor & Leser, verfertigt Schriftstücke & Bilder. Wenn er das nicht tut, wandert er am liebsten durch die offene Landschaft. Motto: „Ain’t talkin‘, just walkin'“ (Bob Dylan).
Essay | Geschichte | Gesellschaft | Medien
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